Ein Vulkan ist niemals nur ein Berg. Er ist ein Riss in der Erdoberfläche, ein Drucksystem, ein stets drohendes multisensorisches Ereignis, ein Archiv der Tiefenzeit. In seiner immersiven audiovisuellen Installation Krakatoa (2026) setzt sich der Filmemacher und Künstler Carlos Casas mit dem indonesischen Vulkan als filmischem Thema, ökologischer Schwelle und lebendigem Mythos auseinander. Carlos Casas wird bei der kostenfrei zugänglichen Eröffnung der Installation am Sonntag, 28.6.26 um 18 Uhr im Haus der Kunst anwesend sein und ebenso seinen Film persönlich in München vorstellen.
Im Mittelpunkt des Werks steht Kesuma, ein junger Fischer aus Bagan auf einer Bambusplattform in der Nähe von Krakatoa, inspiriert durch die Schilderung von Roni Herliyansah, einem Überlebenden des Ausbruchs von 2018. Seine Reise führt vom Meer zur Insel, von verwüstetem Gelände zu dichter Vegetation, von der Höhle ins imaginäre Innere der Erde. Mit seiner Ouvertüre, vier Teilen und einem Epilog bewegt sich der Film durch wechselnde Wahrnehmungsmodi, von Unterwasserlicht und Drohnenaufnahmen bis hin zu Wärmebildern und mikroskopischen Aufnahmen. Er endet mit einer flackernden Sequenz aus 6.371 Einzelbildern, eines für jeden Kilometer zwischen der Erdkruste und dem Erdkern, unterlegt mit einer Klangkomposition, die aus seismischen Daten abgeleitet wurde. Der letzte Abschnitt entfaltet sich als monumentale und bewegende Hommage an die radikalsten Visionen des experimentellen Kinos des 20. Jahrhunderts.
Der Vulkanausbruch von 1883 war weit über den Ort des Geschehens hinaus zu spüren. Sein Lärm war über Tausende von Kilometern hinweg zu hören, seine Asche drang in die Stratosphäre vor und sorgte in den folgenden Monaten weltweit für jene seltsamen Sonnenuntergänge, die damals dokumentiert wurden. Zeitgleich mit der Entstehung der weltweiten Kabelkommunikation und des frühen Kinos wurde Krakatau zu einem der ersten Naturphänomene, das als weltweite Nachricht die Runde machte.
Nicolas Beckers Klangkomposition vereint Infraschall, seismische Daten und Feldaufnahmen und stützt sich dabei auf die Gasometer-Aufnahmen des Ausbruchs von 1883, die in der Royal Institution in London aufbewahrt werden. Der Klang ist eine präzise historische Rekonstruktion, während das Bild spekulativ ist. Diese Umkehrung der herkömmlichen Hierarchie, in der das Bild die Fakten vermittelt und der Klang die Atmosphäre schafft, ist eine Prämisse des Werks.
Im Haus der Kunst erscheint Landschaft als lebendiges System: Von Philippe Parrenos „El Almendral“ (2024), einem unendlichen Film, der in Echtzeit aus einem Mandelhain in Spanien generiert wird, bis hin zu Cyprien Gaillards Auseinandersetzung mit Wasser, Ruinen und stereoskopischer Tiefe wird das bewegte Bild hier als ein Prozess behandelt, der nicht mit der Projektion endet. Krakatoa erweitert diese Entwicklung auf vulkanisches Terrain.
In Zusammenarbeit mit dem Filmfest München setzt Krakatoa das Engagement des Haus der Kunst für das bewegte Bild als räumliche und sinnliche Form fort. Diese Linie steht im Einklang mit Steinas elektronischen Landschaften aus Signalen, Bewegung und Wahrnehmung, die derzeit im Haus der Kunst zu sehen sind, und reicht bis in die bevorstehende Ausstellung von Tomás Saraceno hinein, mit der Krakatoa die Auseinandersetzung mit ökologischen Systemen, atmosphärischen Kräften und durch gegenseitige Abhängigkeit geprägten Lebensformen teilt.
Carlos Casas (geb. 1974 in Barcelona) ist Filmemacher und Künstler, der in den Bereichen Experimentalfilm, Installation und Ton arbeitet. Seine END-Trilogie (2003–2010), die in Patagonien, am Aralsee und in Sibirien spielt, zeichnet das Leben an den extremsten Rändern des Planeten nach. Avalanche (seit 2009), gedreht in einem verschwindenden Dorf im Pamir, wird für jede Präsentation neu geschnitten und vertont. Mit Sanctuary (Tate Modern, 2017) und Cemetery (2019) entwickelte Casas gemeinsam mit dem Musiker Chris Watson und dem Tonspezialisten Tony Myatt eine Infraschallumgebung rund um die Reise eines Elefanten zu seinem mythischen Friedhof. Neben seinen Filmen hat er ein umfangreiches Werk an Aufnahmen und Veröffentlichungen auf Labels wie Discrepant, Matière Mémoire und Second Sleep produziert.
Im Rahmen des Filmfest München wird zudem der Dokumentarfilm REBECCA HORN – DIE SEELE DER DINGE (Neues Deutsches Kino) gezeigt. Rebecca Horn war 2024 mit einer großen Einzelausstellung im Haus der Kunst vertreten. Im Anschluss an die Vorführung am 2.7.26 um 15 Uhr (Theatiner Filmkunst) sprechen die Kuratorinnen Petra Giloy-Hirtz und Dr. Jana Baumann mit der Regisseurin Claudia Müller und der Produzentin Martina Haubrich über das Werk und die außergewöhnliche Persönlichkeit Rebecca Horns.