Unweit des Haus der Kunst fließt der Eisbach, ein Nebenfluss der Isar, durch den Englischen Garten. Seine stehende Welle, auf der Ende der 1970er Jahre die ersten Surfversuche stattfanden, machte ihn weit über die Stadtgrenzen hinaus zu einer Ikone des Flusssurfens und des urbanen Lebens. Was hier verloren geht, verschwindet unter der Oberfläche.

Seit 2008 taucht Tao Schirrmacher, Europameister im Flusssurfen, im Eisbach nach den verlorenen Gegenständen. Was mit einem einzelnen Goldring begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einer beeindruckenden Sammlung von Fundstücken und Artefakten entwickelt: Schmuck, Autoschlüssel, Uhren, aber auch Patronen und Luftpistolen aus dem Zweiten Weltkrieg, Devotionalien, Werkzeuge, Telefone, Kameras und vieles mehr.

Die Funde sind so vielfältig wie die Geschichten, die sie erzählen. Woher kommen sie? Wem haben sie einmal gehört? Manche geben einen Einblick in ihre Vergangenheit, wie etwa zwei Eheringe, die aufgrund übereinstimmender Details und Gravuren offensichtlich zusammengehören. Sind sie gemeinsam verloren gegangen? Oder war es eine bewusste Handlung, eine symbolisch besiegelte Trennung? Wieder andere bewahren ihre Geheimnisse vollständig.

Die Objekte erhalten ihre besondere Bedeutung durch die persönlichen Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Ein alter Schlüssel, eine Sonnenbrille oder ein schlichter Ring mögen unscheinbar wirken. Doch sie bewahren Erinnerungen an Menschen, Orte, Erlebnisse oder besondere Momente. Tao Schirrmachers Sammlung eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf die Stadt und ihre Menschen, erzählt durch die Dinge, die über die Zeit hinweg auf dem Grund des Eisbachs lagen. In einem der bekanntesten Gewässer Münchens ist so ein verborgenes Archiv entstanden, das Spuren und Zeugnisse urbanen Lebens bewahrt.

Die Präsentation dieser Sammlung, der Tao Schirrmacher 2008 den Namen „Lost and Drowned“ gab, entstand aus dem Wunsch, den Objekten ihre Geschichten zurückzugeben oder neue über sie zu erzählen. Zugleich richtet die Ausstellung den Blick auf die unmittelbare Umgebung des Haus der Kunst und schafft weitere Verbindungen zwischen dem Ausstellungshaus, dem Eisbach und dem Englischen Garten.

Gezeigt wird „Eisbach Treasures" in der Archiv Galerie, jenem zentral gelegenen Ausstellungsraum, der das sichtbare Gedächtnis der komplexen Geschichte des Haus der Kunst bildet.

Seit Mitte der 1990er-Jahre gehört die Befragung von Architektur und Erbe zum Programm des Hauses, Künstler*innen, die hier ausstellen, greifen aktiv in diese Auseinandersetzung ein. Über die Jahre haben hier insbesondere unabhängige und subkulturelle Archive ihren Ort gefunden – vom Forum Queeres Archiv München bis zum Plattenlabel Trikont. Viele dieser Bestände dokumentieren Lebenswelten und kulturelle Ausdrucksformen, die unter dem Nationalsozialismus ausgegrenzt oder verfolgt wurden. In diesem Raum lässt Schirrmachers Sammlung das Gedächtnis der Stadt und das des Hauses für einen Moment nebeneinandertreten.

Kuratiert von Sabine Brantl

Künstler*innen-Info

Tao Schirrmacher

Tao Schirrmacher (geb. 1982) versteht sich als Lebenskünstler und ist Industriedesigner, Surfer und Taucher sowie dreifacher Europameister im Rapid Surfen. Seit über zwanzig Jahren gehört er zur Münchner Eisbach-Szene. Bereits ab 2000 suchte er dort nach verlorenen Finnen von Surfbrettern und bemerkte dabei, dass auf dem Grund noch weit mehr zu finden war. Als er 2008 auf einen goldenen Ring stieß, entstand daraus „Lost and Drowned", ein Projekt, in dem er seine Fundstücke sammelt und so nach und nach ein verborgenes Archiv des urbanen Lebens zusammenträgt. In seiner Arbeit fließen die Felder in denen er zu Hause ist zusammen: Wasser, Stadtkultur und Gestaltung.


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