Im Rahmen des jährlichen Auftragsprojekts im Haus der Kunst untersucht der*die in New York lebende Künstler*in Maria VMier (geb. 1985 in Passau, Deutschland) die Beziehung zwischen Individuum und Erinnerung, Architektur und Materialität. Der*die Künstler*in verfolgt einen achtsamen Ansatz ortsspezifischer Praxis, der verborgene Geschichten ans Licht bringt und neue Perspektiven auf das Lernen und Verlernen eröffnet. 

Durch Gespräche mit Mitarbeiter*innen am Haus der Kunst sammelte VMier Geschichten, Routinen und Beobachtungen, die persönliche und kollektive Verbindungen zum Gebäude offenbarten. Manche entstanden im Laufe weniger Jahre, andere über Jahrzehnte hinweg. Die daraus resultierende dreiteilige Installation ist als Reise in das Innenleben einer Kunstinstitution konzipiert, insbesondere in jene Bereiche, die für die Öffentlichkeit unsichtbar und unzugänglich bleiben – und erkundet die Institution praktisch von innen heraus.

Die erste Installation befindet sich am Personaleingang an der Rückseite des Gebäudes. Die verwitterten Metallbuchstaben, die einst an der Fassade des Gebäudes standen (2012–2020), wurden im Innenbereich in einer neuen Anordnung wieder zusammengesetzt. Nachdem sie nicht mehr die Identität des Haus der Kunst repräsentieren, ergeben sie nun einen spielerischen und poetischen Ausdruck: „Bauch der Kunst“. Das Werk lehnt an den Wänden eines Durchgangs, der täglich von Mitarbeiter*innen und Lieferant*innen genutzt wird, und hebt damit einen wesentlichen Teil von Kunstinstitutionen hervor: die Menschen, die den Raum am Leben erhalten und die Werke der Künstler*innen der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Zwei große Zeicheninstallationen bilden den Kern des Projekts und befinden sich in der Passage, einem neuen Raum für Einzelprojekte, der an das Auditorium angrenzt und früher Teil der historischen Südgalerie war. Die dichten Setzungen auf Papier basieren auf Frottagen (Abreibungen) von Oberflächen des Gebäudes – von Eingangshallen bis hin zu Fluren. Die Arbeiten erfassen das Gebäude somit als fühlbares Archiv, wobei die geschichteten Kompositionen architektonische Beschaffenheiten auf ein Feld aus Abdrücken und Bewegung übertragen. Die Installationen entfalten sich als physische und zeitliche Begegnung und reagieren auf die Symmetrie des Raums, indem sie sich über die Passage erstrecken. Für VMier wird das Zeichnen zu einer Möglichkeit, die massiven Steinmaterialien sichtbar zu machen und die Institution als Ort angesammelter Spuren, Gesten und materieller Erinnerung neu zu denken.

Eine neue Serie kleiner Skulpturen aus Aluminiumguss wird in die bestehenden Öffnungen der Marmorsäulen und Wandflächen der Mittelhalle sowie der Eingangsbereiche eingefügt. Die Arbeiten sind inspiriert von den Ammonitenfossilien, die im Saalburger Marmor eingebettet sind – einem Material, das gewählt wurde, um der Halle Erhabenheit zu verleihen, während sie in den 1930er Jahren für nationalsozialistische Propaganda genutzt wurde. Aus Ecken und Spalten hervorbrechend, erscheinen die Skulpturen als geisterhafte Formen, die zwischen Gesichtszügen und organischem Wachstum schweben. Diese subtilen Ausbrüche des Widerstands führen andere Präsenzen in das monumentale Interieur ein und untergraben dessen architektonische und historische Autorität von innen heraus. In Erweiterung dieser Fokussierung auf übersehene architektonische Details dokumentiert ein Künstler*innenbuch, das in Zusammenarbeit mit VMiers langjährigem Kollaborationspartner The New York Board of Taste entstanden ist, die von dem*der Künstler*in im gesamten öffentlichen Raum identifizierten Öffnungen und Spalten. Demnächst erhältlich in der Buchhandlung Walther König im Haus der Kunst.

Seit 2021 vergibt Haus der Kunst ortsspezifische Aufträge an Künstler*innen für den Personal Eingang und darüber hinaus.

Die Initiative entstand während der Pandemie, um dem Team beim täglichen Betreten des Hauses einen Moment der Inspiration zu bieten und zugleich Künstler*innen aus München und der Region in einem wichtigen Moment ihrer künstlerischen Entwicklung zu begleiten. Seither wurden jährlich ortsspezifische Projekte von Cyrill Lachauer, Jan Erbelding, Paul Valentin, Luisa Baldhuber, und Gülbin Ünlü realisiert.

Kuratiert von Xue Tan

Das Auftragsprojekt von Maria VMier wird großzügig unterstützt von Sabine und Thomas Bachmaier.

Künstler*innen-Info

Maria VMier

Maria VMier (geb. 1985 in Passau, Deutschland) lebt und arbeitet als Künstler*in in New York, USA, und München, Deutschland. Die Malerei steht im Zentrum von Maria VMiers Praxis. Aus Schreibgesten und einem verschlungenen, eigenwilligen Setzen von Spuren entwickeln sich komplexe Formationen, die in ständiger Bewegung bleiben. Für VMier ist Malerei ein Ort der Verkörperung und des Ausdrucks sowie zugleich eine Praxis der Forschung, der Erfahrung und des (Ver-)Lernens. VMiers weiteres Schaffen umfasst kontextspezifische und gemeinschaftsorientierte Arbeiten ebenso wie Installationen, Künstler*innenbücher und Objekte. Im Mittelpunkt von Maria VMiers Arbeit steht der Körper als Werkzeug des Wissens, als Ort des politischen Kampfes und der Freude. Wiederkehrende Themen sind die Bedingungen künstlerischer Arbeit, die Dynamiken von Macht und Begehren, Institutionen als formbare Strukturen sowie die Auseinandersetzung mit der Natur, dem Unsichtbaren und dem Unbekannten.

VMier studierte Malerei und Bildhauerei am Bard College, an der Akademie der Bildenden Künste München und an der Universität für angewandte Kunst Wien. VMiers Arbeiten wurden unter anderem im MoMA PS1, im Museum Brandhorst und in der Pinakothek der Moderne (alle 2024) präsentiert. Da VMiers Praxis in Gemeinschaft und Zusammenarbeit verwurzelt ist, lädt VMier regelmäßig weitere Künstler*innen in die eigenen Projekte ein, betreibt gemeinsam mit Stefanie Hammann den auf Künstler*innenbücher spezialisierten Hammann von Mier-Verlag und ist zudem Teil des Kollektivs Ruine München mit Leo Heinik und Jan Erbelding.

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