Die vietnamesisch-amerikanische Künstlerin Diane Severin Nguyen (geb. 1990 in Kalifornien) präsentiert erstmals eine neue Werkreihe, in deren Mittelpunkt die Filminstallation Powerless steht. Eine kinetische Installation in der Mittelhalle und ein fotografisches Environment in der Südgalerie führen ihre Auseinandersetzung mit Opferrollen, Identität und der Verflechtung von Intimität und Macht fort.
Mit ihrem Hintergrund in Bildender Kunst und Politikwissenschaft untersucht Nguyen, wie persönliche Erinnerung und historisches Trauma im Kontext zeitgenössischer visueller Kultur verhandelt werden. Dabei richtet sie den Blick darauf, wie Kriegsbilder unsere alltägliche Wahrnehmung und unser heutiges Selbstverständnis prägen. Statt vor diesen Bildern und den mit ihnen verbundenen historischen Ereignissen zu fliehen, setzt sie sich damit auseinander, wie man sie durchleben kann. Zugleich hinterfragt sie die Mechanismen der Bildproduktion und entwickelt neue künstlerische Ausdrucksformen, die der Wahrheit nicht ausweichen, sondern neue Wege eröffnen, sie zu gestalten.
Die Filminstallation Powerless spielt in den bayerischen Alpen und folgt einem Kind, das gegen den Willen seiner abwesenden Mutter, deren hörbare Stimme zwischen Zärtlichkeit, Rechtfertigung und Befehl schwankt, das Haus verlässt. Über dem Kind kreist ein Hubschrauber mit einer amerikanischen Folk-Band an Bord, deren wehmütige Lieder Freiheit und Rettung romantisieren. Der Hubschrauber steht zugleich für die Zerstörung des Zuhauses und für das Versprechen einer Flucht. Als sich das Kind der Maschine nähert, überlagern sich familiäre Sehnsucht und militarisierte Perspektiven aus der Luft. Die Grenzen zwischen Fürsorge und Kontrolle verschwimmen.
Powerless beschäftigt sich mit der Frage, wie die Opferrolle zur Identitätsgrundlage wird: wie Wunden uns für uns selbst, für Institutionen und für die Geschichte lesbar machen und uns moralische Autorität verleihen, sogar bei fehlender materieller Macht. Nguyens „Dilemma des sentimentalen Blicks“ beschreibt, wie verletzliche Subjekte gleichzeitig ermutigt und bestraft werden, wenn sie ihren Schmerz zum Ausdruck bringen. Die Figur des Kindes verdichtet diese Spannungen im Bild der Unschuld: Sie wird sowohl zur Rechtfertigung des Krieges als auch zur Forderung nach dessen Beendigung herangezogen, vermag jedoch die Bedeutung der Gewalt, die sie offenlegt, nicht abschließend zu klären.
Durch am Körper getragene Kameras, Überwachungsaufnahmen und aus der Luft entstandene Bilder wird der*die Betrachter*in in dieses instabile Wahrnehmungsfeld versetzt. Der Hubschrauber erinnert an weithin verbreitete Aufnahmen von Rettungs- und Evakuierungsaktionen während des Vietnamkriegs. Zugleich steht er für eine Perspektive, aus der die Landschaft zur Karte, zur Bühne oder zum Ziel wird. Diese historischen Bezüge verweisen darauf, wie wir Krieg heute über Bildschirme erleben: Gewalt mag fern oder virtuell erscheinen, bleibt jedoch körperlich real und unumkehrbar. Technologien, die objektive Beweise versprechen, schaffen keine Gewissheit darüber, wer Verantwortung übernimmt oder Fürsorge leistet.
In der Mittelhalle schießt eine kinetische Installation wiederholt puppenhafte Figuren auf eine Bühne, wo sie sich im Laufe des Tages anhäufen. Ihr mechanischer Rhythmus spiegelt das unerbittliche Kreisen des Hubschraubers wider und hält das Spektakel zwischen Spiel und Katastrophe in der Schwebe. In der Südgalerie verwandeln mit Überwachungskameras aufgenommene Fotografien Beweisbilder in flüchtige Formen, deren Körper instabil und im Wandel begriffen sind.
Die Ausstellung führt die Auseinandersetzung unseres Programms mit Formen von Lebendigkeit („Liveness“) in der zeitgenössischen Kunst fort, insbesondere im Bereich des erweiterten bewegten Bildes. Zugleich stellt sie Bezüge zu früheren Projekten von Cyprien Gaillard, Pan Daijing und Wang Shui her. Powerless gibt außerdem einen ersten Ausblick auf einen Schwerpunkt unseres Programms für 2027: künstlerische Fotografie und Bildproduktion im Zeichen des technologischen Wandels.
Kuratiert von Xue Tan in Zusammenarbeit mit Lydia Antoniou
Die Alexander-Tutsek-Stiftung ist die Hauptförderin dieser Ausstellung.
Die Filminstallation Powerless von Diane Severin Nguyen ist gemeinsam in Auftrag gegeben von Haus der Kunst München, Hessel Museum of Art, Bard College, New York, Vega Foundation, Toronto, LUMA Foundation und Chisenhale Gallery, London, Alexander-Tutsek-Stiftung, München.
Der Film wurde von if…Productions Film GmbH produziert.
- Produktionsdesign: Renate Schmaderer
- Produktionsdesign-Team: Luzi Speth, Lukas Katholik, Yuki Tobiyama
- Kamera & Visual Effects: Nikolai Huber
- Musik & Sounddesign: Laszlo Horvath
- Kostüm: Katrin Bobek
- Produzenten: Ingo Fliess & Jonas Egert
- Produktionsleiterin: Luzie Lohmeyer
- Postproduktion: ARTCORE
- Conform, Colour Grading, Mastering & DCP Creation: Julian Nouveau
- Sound Editing, Design, Mixing & On-site Sound Mixing: Yohann Henry
- Darsteller*innen: Emilie Khanuengnit Phalamat, Laszlo Horvath, Janine Gierszewsky, Leona Grundig, Peter Thoma & Yuki Tobiyama
- Sprecher*innen: Corinna Harfouch, Pei Barthes Wu (Stimme des Kindes), Emily Schubert (Stimme Filmmusik)
Künstler*innen-Info
Diane Severin Nguyen
Diane Severin Nguyen (* 1990 in Carson, Kalifornien) lebt und arbeitet in New York. Sie arbeitet mit Fotografie, Video und Installation und entwirft Welten, in denen Oberfläche und Substanz, Illusion und Wahrheit ineinander übergehen. Den fotografischen Moment begreift sie als einen Prozess der Transformation, in dem materielle Instabilität, Begehren und Spekulation aufeinandertreffen. Nguyen untersucht die Politik der Repräsentation und die psychischen Ökonomien, die Identität, Propaganda und Macht prägen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Whitney Museum of American Art (New York), im MoMA PS1 (New York), in der Renaissance Society (Chicago) und im Jeu de Paume (Paris) ausgestellt. Ihre Filme waren bei der Berlinale und beim New York Film Festival zu sehen. 2023 erhielt sie ein Guggenheim-Stipendium. Mit ihrer Praxis erweitert sie fortwährend die Möglichkeiten der Bildproduktion und Wahrnehmung.
