Karrabing Film Collective. Wonderland

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„Unsere Filme sind weder Fiction noch Non-Fiction. Sie stammen aus dem Land unserer Vorfahren, und dorthin kehren sie zurück. Sie erwachsen aus dem Leben, in dem wir mit unseren durlg (Träumen) koexistieren, und sind zugleich ein Teil davon.“ – Karrabing

Mit „Wonderland“ zeigt das Haus der Kunst die erste umfassende Einzelausstellung des Karrabing Film Collectives in Deutschland. Die Ausstellung präsentiert alle wichtigen Filme der Indigenen Künstler*innengruppe aus Australien und gewährt Einblick in ihre vielschichtige Arbeitsweise und neue Formen der kollektiven, Indigenen Handlungsfähigkeit. Die basisorientierte Film- und Kunstgruppe wurde 2007 gegründet und versteht ihre gemeinschaftlich produzierten Filme und Installationen als Möglichkeit des Indigenen Widerstands und der Selbstorganisation. Die generationsübergreifende Kooperative besteht aus knapp 50 Mitgliedern, von denen die meisten in der Belyuen-Community im Northern Territory Australiens leben. Ihre häufig als „improvisierter Realismus“ beschriebenen Arbeiten öffnen einen Raum jenseits des klassischen, binären Konzepts von Spielfilm und Dokumentation.

Karrabing schafft mit seinen Werken eine erfinderische, unerwartete und zutiefst ironische Filmsprache, die sich in der Welt des Films und der bildenden Kunst einen Namen gemacht hat. Karrabing, ein Wort aus der Emmiyengal-Sprache, bedeutet „Ebbe“ und verweist auf eine Form der Kollektivität außerhalb staatlich auferlegter Beschränkungen von Sippengemeinschaft oder Landbesitz. Die mit Handkameras und Handys gedrehten Filme parodieren oft alltägliche Szenarien und Hindernisse, mit denen die Mitglieder des Kollektivs bei Unternehmen und Behörden konfrontiert sind. Darüber hinaus werden Facetten kolonialer Gewalt offengelegt und aktuelle Probleme wie Umweltzerstörung, Landkonflikte und wirtschaftliche Ausbeutung aufgeworfen.

Die Komponenten der Ausstellung — Videos, Klänge, Stimmen und ein umfassender Reader — bieten die Möglichkeit, tiefer in politische, soziale und kulturelle Hintergründe einzutauchen. Es werden zahlreiche Perspektiven auf die Karrabing-Praxis gezeigt und universelle Vorstellungen von hegemonialen Machtverständnissen und Wissensproduktion hinterfragt. Das betrifft sowohl die Dynamik zwischen der Indigenen Bevölkerung und den kolonialen Siedler*innen Australiens, als auch Fragen zur Beziehung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebensformen, zur Erhaltung und Pflege des Landes und des vielfältigen Ökosystems der Erde. „Wonderland“ steht damit im Dialog mit der Ausstellung von Joan Jonas und ihrem jahrzehntelangen Engagement, das Nicht-Menschliche in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Praxis zu stellen.

Die Verwendung von Sprache und Stimme bei Karrabing ist eine Verbindung zu weiteren Projekten am Haus der Kunst, bei denen sich das Thema Sound wie ein roter Faden durchzieht. Karrabing kommunizieren in einer regionalen Kreolsprache, die in ihren Arbeiten mit Tonausschnitten und Medienclips ergänzt wird.

Präsentiert wird „Wonderland“ in der LSK-Galerie, dem ehemaligen Luftschutzkeller des Museums. Durch die Ausstellung zieht sich die Frage, was aus der filmischen und methodischen Sprache Karrabings über die Elastizität und Durchlässigkeit der heutigen Gesellschaft gelernt werden kann. „Wonderland“ knüpft damit an Tony Cokes‘ „Fragments, or just Moments“ an. Das Haus der Kunst etabliert die LSK-Galerie als Ort, an dem Geschichtsschreibung hinterfragt und überdacht wird, indem aus Ton und bewegten Bildern neue Narrative geformt werden. In der Inszenierung eines bewussten Bruchs mit der Geschichte des Gebäudes manifestiert sich die kritische Auseinandersetzung mit Konzepten von Repräsentation, Zugehörigkeit und kulturellem Gedächtnis. Eingeführt wird ein kollaboratives, vernetztes Modell von Kollektivität, das auf dynamischen Interaktion und kreativem Austausch basiert.

Im Frühjahr wird Karrabings neuester Film Macassans vs. Berragut: Let the Ancestors Decide (2023), der vom Haus der Kunst koproduziert wurde, seine Premiere haben.

Kuratiert von Damian Lentini mit Anne Pfautsch