Sean Snyder

Seit über 120 Jahren zählen Kameraobjektive von Carl Zeiss zu den besten der Welt, selbst für den Einsatz im Weltall. Die Mondlandung 1969 etwa wurde mit einer Hasselblad-Kamera und einem Zeiss-Objektiv dokumentiert. Die Geschichte technologischer Fortschritte bei der Verbesserung der Sichtbarkeit und dem damit einhergehenden Erlangen von immer mehr (visuellen) Informationen steht im Zentrum von Sean Snyders „Optics. Compression. Propaganda“ (2007). Der Ausgangspunkt dieses Werks, das aus Fotografien, Texttafeln, Dokumenten und Videos besteht, ist eine undatierte Schwarzweiß-Fotografie, die Snyder aus dem Carl Zeiss-Archiv ausgewählt hat. Sie zeigt ein „abgebrochenes Stück eines ungeschliffenen optischen Glases“[1], unter dessen Ecke ein bedrucktes Stück Papier klemmt. Snyder: „Das Bild stellt im Grunde nichts dar“, und könnte doch als „ein imaginiertes Kompositbild der visuellen Geschichte von über einem Jahrhundert“[2] angesehen werden.
Im Kontext der Konflikte in Afghanistan analysiert Snyder die angewandten visuellen Technologien, das daraus resultierende Bildmaterial sowie die verborgenen Agenden. Mit seinen Bildern konfrontiert er zwei politische Extreme und ihre sorgfältig erwogenen Medien- und Informationsstrategien: Zum einen stammen sie von der offiziellen Webseite des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, zum anderen aus wahllosen Internetuploads von As-Sahab, der Produktionsfirma von al-Qaida. In übersetzten Auszügen aus einem angeblichen al-Qaida-Ausbildungshandbuch, das die Polizei von Manchester im Jahr 2000 fand, wird die Bedeutung, die der Rolle der Medien und dem Einsatz von Fotografien beigemessen wird, deutlich.
Doch wie viel wir tatsächlich auf einem (digitalen) Bild sehen, hängt von der Anzahl der Pixel ab, wie Snyder deutlich macht: je mehr Pixel, desto mehr Details sind erkennbar. Ähnlich verhält es sich mit Videofilmen: je höher die Auflösung, desto deutlicher das Bild. Sowohl das US-amerikanische Verteidigungsministerium als auch al-Qaida setzen hohe und niedrige Qualität und Sichtbarkeit ganz gezielt und strategisch ein, und täuschen so entweder Transparenz oder Authentizität vor. Beide Seiten vermitteln also durch das scheinbar neutrale Medium technischer Anwendungen auf subtile Weise Botschaften. Ein Beispiel dafür ist ein Bild des Verteidigungsministeriums mit der Unterschrift: „Soldaten der US-amerikanischen Spezialeinheiten bei einem Ausritt mit Mitgliedern der Nördlichen Allianz in Afghanistan während der Operation Enduring Freedom.“ Doch je näher man sich heranzuzoomen versucht, desto weniger wird sichtbar. Ein anderes Beispiel sind die Videos von al-Qaida, die trotz des Einsatzes moderner Kameras die Anmutung einer Produktion von niedriger Qualität haben und so einen Grad von Authentizität implizieren, den eine glatte, routinierte Produktion nicht hätte.
Nachdem Snyder den Kameratyp mit integriertem Zeiss-Objektiv entdeckt hatte, der in einem von al-Qaidas Propagandavideos verwendet wurde, nahm er eine solche Kamera völlig auseinander, um in einem pragmatischen Versuch die Hardware zu „entschärfen“[3]. Dies dokumentiert er in dem einminütigen Video „Sony DCR-PC120E (Disassembled)“ (2007). Snyder kommt zu dem Schluss, dass es „keine Rolle spielt, in wessen Hände man sie gibt. Die Kamera ist nicht nur eine physische Vorrichtung, sondern auch ein metaphysischer ‚Apparat‘.“[4]
[1] Snyder, Sean, „Optics. Compression. Propaganda“, in: Sean Snyder, Silvia Sgualdini (Hg.), Optics. Compression. Propaganda, Ausst.-Kat., Lisson Gallery, London, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2007, n.p.
[2-4] Ebd.
