In der Konkretheit der Abstraktion: Modernismus und Modernisierung im Indien der Nachkriegszeit

Vortrag 14.01.14

Vortrag von Atreyee Gupta, Goethe-Institut Postdoctoral Fellow (Berkeley/München)

In ihrem Vortrag geht Atreyee Gupta dem Aufkommen einer intermedialen Ästhetik der Abstraktion in den 1950er- und 1960er-Jahren in Indien nach. Dabei verortet sie Kunst an den Schnittstellen von wissenschaftlichen Errungenschaften der Nachkriegszeit einerseits und den Modernisierungsbestrebungen eines neuen Nationalstaats andererseits. Im Mittelpunkt stehen die Arbeiten des Architekten und Fotografen Jeet Malhotra und der Bildhauer Dhanraj Bhagat und Sardari Lal Parasher. Alle drei Künstler waren in der Jahrhundertmitte sehr präsent und wurden hoch gelobt, doch ist ihr Werk bislang keiner kritischen Analyse unterzogen worden. Der Vortrag bezieht den interkontinentalen Austausch der Künstler ein, die mit Persönlichkeiten wie Le Corbusier, Lucien Hervé und Clement Greenberg in Kontakt standen; im Vordergrund steht die Art und Weise, in der sich der Nachkriegs-Modernismus eines postkolonialen Landes mit den Entwicklungen der westeuropäischen und nordamerikanischen Moderne überschnitten hat und dabei auch deren Absolutheitsanspruch in Frage stellte. Die Dialektik zwischen Modernismus und atomarer Aufrüstungskrise im Westen ist bisher stets als ausschlaggebende Kraft betrachtet worden, die unser heutiges Verständnis des Nachkriegs-Modernismus prägte. Wenn man dieses Gesamtbild durch die Einbeziehung der unbequemen Aktionskurven postkolonialen Modernismus und postkolonialer Modernisierung stört, so soll damit nicht in erster Linie das übliche Narrativ außer Kraft gesetzt werden. Das Ziel hingegen liegt darin, die Dialektik für neue, heterogene, globale Arrangements und Sehnsüchte zu öffnen.

Atreyee Guptas Forschungsarbeit kreist um Fragen des Nachkriegs-Modernismus; um Politiken des Bewohnens, der Körperlichkeit und Sensorialität; um Schnittstellen zwischen moderner Kunst und Modernisierungsprozessen in postkolonialen Kontexten; um institutionelle Narrative von Modernismen und um Ästhetik als Form globalen kulturellen Kapitals in der Nachkriegsepoche. Diese Fragen stehen auch im Mittelpunkt ihres derzeitigen Manuskripts für ein Buch über moderne Kunst in Südasien in den Jahrzehnten unmittelbar vor und nach der indischen Unabhängigkeit. Zu ihren Publikationen zählen Aufsätze in „Twentieth-Century Indian Art“, 2014, “Art Journal” (Herbst 2013), “An Expanded Questionnaire on The Contemporary”, 2012, sowie “Is Art History Global?, 2006. Atreyee Gupta war Dozentin an der University of Minnesota und der University of California, Berkeley. Ihre Forschungsarbeit ist u.a. durch Stipendien des Getty Research Institute, des Social Science Research Council und der University of Minnesota gefördert worden. Derzeit ist Atreyee Gupta Postdoctoral Fellow des Goethe-Instituts am Haus der Kunst in München.

Vortrag im Rahmen der Reihe "Think Big! Art Histories in a Global Perspective" 
Institut für Kunstgeschichte der LMU München

Vortrag in englischer Sprache

Ermöglicht durch
Goethe-Institut und Kulturstiftung des Bundes

Dhanraj Bhagat, Construction, ca. 1960, armierter Beton S.L. Parasher, Vidyavalanj [States of Knowledge], 1964, Government College, Chandigarh, Foto S.L. Parashe

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