Die Nacht — Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus

AUSSTELLUNG 01.11.98 – 14.02.99

Thema der Ausstellung ist die Entwicklung des Nachtbildes in der abendländischen Malerei vom 15. bis ins 20. Jahrhundert. Dabei stehen nicht die allegorischen Personifikationen im Mittelpunkt, sondern Bilder nächtlichen Geschehens. Als Nachtstücke gelten Szenen im nächtlichen Dunkel, die durch ein Licht sichtbar gemacht werden. Dabei kann es sich um das sakrale Licht eines gemalten Glorienscheins handeln, das natürliche Licht von Mond und Sternen am Nachthimmel oder eine künstliche Beleuchtung durch Lichtquellen wie Feuer, Kerzen und Lampen. Das Thema Nacht in der Malerei ist folglich allein über die Visualisierung von Licht erfahrbar.
Die Ausstellung fasst die Darstellungen von Nacht unter folgenden Themen zusammen:

 Biblische Themen
Als frühestes Nachtbild, das die nächtliche Finsternis glaubhaft wiedergibt, gilt das verlorene Gemälde der "Geburt Christi" (um 1475) von Hugo van der Goes. In der Ausstellung ist es durch Kopien von Geertgen tot Sint Jans (um 1490) und Michel Sittow (um 1525) vertreten. Das überirdische Bildlicht geht von dem Kind in der Krippe aus, das die in der Finsternis verborgenen Gestalten und Gegenstände erleuchtet. Im Anschluss an diese Gründungswerke der Nachtmalerei entwickeln sich in der niederländischen und italienischen Malerei des 16. Jahrhunderts ganze Nachtbildschulen. Ihre Motive finden sie vor allem in biblischen Themen. Als hervorragende Nachtbildmaler wurden in Italien schon zu Lebzeiten Künstler wie Giovanni Girolamo Savoldo, Jacopo Bassano und Luca Cambiaso ("Christus vor Kaiphas", um 1565/70) geschätzt. In den Niederlanden galten Gerrit van Honthorst und Hendrick Terbrugghen als ihre Vertreter. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts haben Adam Elsheimer und Caravaggio ("Die Gefangennahme Christi", 1602) bedeutende Nachtbilder geschaffen, die sich vor allem durch ihre dramatische Dimension und ihren seelischen Ausdruck auszeichnen. Sie leiten die Entwicklung des barocken Nachtstücks ein, das einen Höhepunkt in der über 500-jährigen Geschichte der Nachtmalerei darstellt.

Kerzenlichtbilder und Genredarstellungen
Nach der Einführung des Kerzenlichts als innerbildliche Lichtquelle durch Correggios Gemälde "Judith und Holofernes" (um 1513) und El Grecos Darstellungen eines Knaben mit brennender Kerze (1570/75) waren es vor allem Trophime Bigot aus Frankreich sowie der in Italien lebende Matthias Stomer und die niederländischen Maler Gerrit van Honthorst, Hendrick Terbrugghen, Gerard Seghers, Jan Lievens, Gerrit Dou und Godfried Schalcken, welche die Kerzenlichtmalerei als eigenständige Kunstrichtung im 17. Jahrhundert begründeten. Einen originären Beitrag von atmosphärischer Intimität und formaler Strenge lieferte Georges de La Tour mit seiner "Erziehung der Jungfrau Maria" (1646-48). Nächtliche Genreszenen – häufig von Kerzen oder Kaminfeuer erleuchtete, bürgerliche Wohnräume – führten zu einer Erweiterung des meist noch biblischen Motivrepertoires. Auch Darstellungen musizierender Tischgesellschaften erfreuten sich großer Beliebtheit.

Katastrophen
Im 17. Jahrhundert wurden zunehmend mythologische Stoffe und Katastrophen als Nachtstücke in Szene gesetzt. Jan Brueghel d. Ä. und Pieter Schoubroeck stellten in der Tradition von Hieronymus Bosch nächtliche Feuersbrünste wie den Brand Trojas dar, Adam Elsheimer malte "Die Sintflut" (um 1600). Wie die biblischen, so wurden auch die mythologischen Themenkreise allmählich durch profane abgelöst. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts rückten nächtliche Stadtbrände und feuerspeiende Vulkane in den Vordergrund des Bildgeschehens. Mit den Darstellungen festlich illuminierter Stadträume deutete sich ein verändertes Nachtbewusstsein an: Die jahrhundertealte Vertrautheit mit dem Dunkel macht einer neuen Wahrnehmung der Nacht als Lebens- und Erfahrungsraum Platz. 

Liebesnächte - Todesnächte
Dunkle Gedanken und finstere Taten suchen das Dunkel der Nacht. Das gilt auch für die Mord- und Blendungsszenen, die mit den Namen Judith und Holofernes (Orazio Gentileschi), Salome und Johannes (Francesco Rustici), Samson und Delilah (Jan Lievens) verbunden sind und sich im Schutze der Nacht ereignen. Ebenso hüllt der Barock die sinnestrunkenen Liebeslager von Amor und Psyche (Jusepe de Ribera) oder von Loth und seinen Töchtern (Giovanni Francesco Guerrieri) in den dunklen Mantel der Nacht.

Nachtlandschaften
Das eigenständige landschaftliche Nachtstück entwickelte sich, wie die Landschaftsmalerei überhaupt, aus den nächtlichen Hintergrunddarstellungen biblischer Szenen. "Die Flucht nach Ägypten" (1609) von Adam Elsheimer richtete zum ersten Mal den Blick mit naturwissenschaftlichem Interesse auf den nächtlichen Sternenhimmel. Wenig später fing auch Aert van der Neer in seinen Landschaften den Zauber der Nachtstimmung ein. Im 18. Jahrhundert erhielten die Mondscheinbilder in den Meeresansichten Claude Joseph Vernets mit ihren mächtigen Segelschiffen und Schiffbruchszenen einen Zug ins Heroische. Bereits im 17. Jahrhundert verliehen François de Nomé, Monsù Desiderio und Salvator Rosa der Nachtlandschaft eine phantastisch-unheimliche Note. Ihre schaurigen Szenen wurden von Alessandro Magnascos grotesken Figurengruppen im fahlen Nachtlicht noch gesteigert. Sie wirken wie ein Abgesang auf die Nachtbildmalerei, die mit der Renaissance ihren Aufschwung erlebte und im Barock einen Höhepunkt erreichte. Im Zeitalter der Aufklärung ließ die fortschrittsgläubige Gleichsetzung von Licht und Vernunft das Interesse an Nachtbildern schwinden. Als Gegenbewegung entstanden die nächtlichen Sehnsuchtslandschaften der deutschen Romantiker Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Carl Blechen. Häufig stellten sie den in die Naturbetrachtung versunkenen Menschen ins Zentrum ihrer Nachtstücke und beschwören die Weite des Sternenhimmels und die Tiefe mondbeschienener Landschaften.

Traum und dunkle Visionen
Nach den Traumdarstellungen der Renaissance und des Barock zeigten sich vor allem die Künstler des Sturm und Drang wie Johann Heinrich Füssli und William Blake, aber auch Francisco de Goya und die deutschen Romantiker von der Welt des Traums und Alptraums fasziniert. Während Blake vor allem die nächtliche Vereinigung von himmlischen und irdischen Kräften in Szene setzt, wird die Nacht bei Füssli zum Schauplatz psychischer Exaltationen, sexueller Erregungen und körperlicher und seelischer Qualen ("Achilles greift nach dem Schatten des Patroklos", 1803). Goyas Nachtbilder entfalten – im Durcheinander von Mördern, Hexen, Huren, Liebenden und Nachtwandlern – ein absurdes Panorama der menschlichen Existenz. Im neoromantischen Symbolismus der Jahrhundertwende erfuhr das Unheimliche und Bedrohliche eine Steigerung ins Dämonisch-Phantastische. Die mystischen Visionen von Odilon Redon und Max Klinger öffneten schließlich die Pforten zum Unbewussten und zum Traum, während die französischen Symbolisten Eduard Vuillard und Félix Vallotton das Mysteriöse in den nächtlichen Straßen von Paris oder dem schummrigen Interieur einzufangen suchten. Surrealisten wie Max Ernst, Joan Miró und René Magritte beschworen als Nachfahren der "Schwarzen Romantik" und des mystischen Symbolismus mit ihren fantastischen Geschöpfen und erotischen Halluzinationen ein weiteres Mal die nächtlichen Traumwelten.

Stadtnächte und Einsamkeit
Im 20. Jahrhundert wurden die Anonymität des Großstadtlebens und die Isolation des Individuums zu drängenden Themen. So thematisieren die Nachtbilder des Norwegers Edvard Munch mit großer Ausdruckskraft die Einsamkeit des modernen Großstadtmenschen. Dagegen richteten die deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, George Grosz und Otto Dix ("Großstadt-Triptychon", 1926/27) ihr künstlerisches Interesse auf die Kehrseite der Einsamkeit, den Amüsierbetrieb und die von skurrilen Gestalten bevölkerten Straßen – ein Themenkreis, der auch Max Beckmann, Ludwig Meidner und die Vertreter der Neuen Sachlichkeit, Conrad Felixmüller, Georg Scholz und Franz Radziwill, beschäftigte. Besonders eindringliche Ikonen der Verlassenheit schuf der Amerikaner Edward Hopper mit seinem melancholischen Blick auf einsame Menschen im Hotel.

Edvard Munch, Unter den Sternen, 1907, Munch-Museum Oslo
Edvard Munch, Unter den Sternen, 1907, Munch-Museum Oslo
Jacopo Bassano, Beweinung Christi, o.D., Musée du Louvre, Départment de Peinture, Paris
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Caravaggio, Die Gefangennahme Christi (Kopie), 1598, Museum für westliche und östliche Kunst, Odessa
Caravaggio, Die Gefangennahme Christi (Kopie), 1598, Museum für westliche und östliche Kunst, Odessa
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Die Nacht – Nachtbilder von der Spätgotik bis zum Surrealismus, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi

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