Lyonel Feininger 1871–1956. Von Gelmeroda nach Manhattan

AUSSTELLUNG 01.11.98 – 24.01.99

Die erste umfassende Retrospektive der Gemälde Lyonel Feiningers folgt dem Werdegang des Künstlers, der 1871 in New York geboren wurde, fünfzig Jahre in Deutschland lebte und unter dem Druck der Nazi-Diktatur nach Amerika zurückkehrte. Die Ausstellung vereint die "zwei Leben" des Malers in ihrer inneren Verbindung zwischen Amerika und Deutschland sowie zwischen den künstlerischen Polen von Klassischer Moderne und Romantik. 

Nach impressionistischen Anfängen fanden jene skurrilen Figuren, die seinen Karikaturen zugrunde lagen, Eingang in Feiningers Malerei und in Straßenszenen, die das bürgerliche Leben als grotesken "Mummenschanz" schildern. Die frühen Gemälde entstanden im Spannungsfeld der Kunstmetropolen Berlin, wo Feiningers Werke in Ausstellungen von Herwarth Waldens berühmter Sturm-Galerie zu sehen waren, und Paris, wo seine Bilder 1911 im "Salon des Indépendants" gezeigt wurden. Zugleich entdeckte er die Malerei des Kubismus und Futurismus für sich. Die Aufsplitterung der Darstellung in geometrische Formen und die damit verbundene Bewegungswiedergabe gewannen als malerische Stilmittel zunehmend Bedeutung für Feininger und führten zu figurenreichen Bildern, deren Kennzeichen eine vielfach facettierte Oberfläche ist. 

Zur vollen Entfaltung gelangte Feiningers facettierender Stil seit 1912 in den Architekturbildern. Vom Bauhaus in Weimar aus unternahm er Ausflüge in die Dörfer der Umgebung, deren spitze Kirchtürme er zum bevorzugten Motiv der Darstellung machte. Berühmt wurden vor allem die Kirchen von Gelmeroda und Halle, von denen er über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Varianten schuf. Ihre hoch aufragenden Türme lassen den Einfluss von Robert Delaunays "Eiffelturm" ebenso erkennen wie jener spirituellen Farbauffassung, die Johannes Itten am Bauhaus lehrte. In der Monumentalisierung und visionären Überhöhung seiner Kirchenansichten gelangte Feininger zu einer eigenständigen, kristallinen Ausprägung des Kubismus, die deutliche Parallelen zu den Kathedralvisionen der deutschen Romantik aufweist. 

Seit er in den 1920-er Jahren die Sommermonate an der Ostsee verbrachte und Deep zur zweiten Heimat erkor, wurde für Lyonel Feininger die Küstenlandschaft zu einer malerischen Inspirationsquelle. Ihr verdanken sich jene ruhigen, poetischen Seestücke, die die Weite des Meeres in farblich transparente Kompositionen übersetzen, die durch einzelne Menschen und Segelboote zeichnerisch akzentuiert sind. In Feiningers Interesse an den Phänomenen Licht und Atmosphäre, besteht wiederum eine Verbindung zur Malerei der Romantik und vor allem zu William Turner. 

 Als "entarteter" Künstler diffamiert, übersiedelte Lyonel Feininger 1937 nach New York und fand in den Wolkenkratzern Manhattans einen profanen Ersatz für das Kirchenmotiv. Gleichwohl bildeten weiterhin die in Skizzen festgehaltenen Erinnerungen an die deutschen Städte und an die Ostsee den Ausgangspunkt für die Bilder seines Spätwerks. Die formale Reduzierung führte, maßgeblich angeregt durch die Werke Mark Tobeys, zu linearen, nahezu abstrakten Strukturen. Im dichten Liniengewebe seiner letzten Arbeiten verschwimmen die Konturen der deutschen Städte und scheinen sich endlich in der Abenddämmerung zu verlieren.

Lyonel Feininger, Das hohe Ufer (Die Bucht), 1923, Privatsammlung
Lyonel Feininger, Das hohe Ufer (Die Bucht), 1923, Privatsammlung
Lyonel Feininger, Angler mit blauem Fisch II, 1912, Detail, Privatsammlung
Lyonel Feininger, Angler mit blauem Fisch II, 1912, Detail, Privatsammlung
Lyonel Feininger 1871-1956. Von Gelmeroda nach Manhatten, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Lyonel Feininger 1871-1956. Von Gelmeroda nach Manhatten, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Lyonel Feininger 1871-1956. Von Gelmeroda nach Manhatten, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi
Lyonel Feininger 1871-1956. Von Gelmeroda nach Manhatten, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1998, Foto Wilfried Petzi

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