Luc Tuymans — Wenn der Frühling kommt

AUSSTELLUNG 02.03 – 12.05.08

"Jedes Bild ist unvollständig, so wie auch jede Erinnerung unvollständig ist."
Die Gemälde des belgischen Künstlers Luc Tuymans (*1958) sind einzigartig in ihrer Ungreifbarkeit, ihrer Rätselhaftigkeit und Stille.

Luc Tuymans malt figurativ, doch verweigern sich seine Bilder einer eindeutigen Lesbarkeit. Die Motive sind oftmals nicht klar erkennbar, auf ihre Umrisse reduziert und schweben scheinbar ort- und zeitlos vor einem leeren Hintergrund, immer an der Grenze dazu, sich in Nichts aufzulösen. Tuymans’ Arbeiten sind geprägt von den Stilmitteln des Films und der Fotografie – ungewöhnliche Bildausschnitte, Nahaufnahmen, Standbild-Ästhetik. Die für seine Malerei charakteristische, stark reduzierte Farbpalette gibt den Gemälden zudem etwas Nebulöses, Phantomhaftes und lässt sie oftmals wirken wie Projektionen einer verblassenden Erinnerung.

Zu den zentralen Themen im Werk von Luc Tuymans zählen verhängnisvolle Ereignisse der jüngeren und jüngsten Geschichte wie der Holocaust oder 9/11 – Motive, die lange Zeit als nicht darstellbar galten. Der Künstler verzichtet in seinen Bildern bewusst auf große Gesten: Sie wirken undemonstrativ und still; die Malweise bleibt stets distanziert. Auch stellt Tuymans die Geschehnisse, das Grauen nie direkt dar, sondern fokussiert auf Augenblicke davor oder danach, auf Beiläufiges, Banales – etwa auf Objekte oder Gebäude, die als stille Zeugen der Geschichte fungieren. Subtil deutet er durch Farbe, Perspektive und Licht das Unheimliche an und lädt auch alltägliche Bildmotive mit spürbarer Tiefe auf. 

Tuymans’ Gemälde lassen sich als Allegorien der Erinnerung lesen: Bestimmte Bilder, Aspekte scheinen hell auf, andere verschwinden im Dunkeln. Erinnerung kann trügerisch sein, subjektiv und lückenhaft; daher setzt Tuymans die Unschärfe, das Schattenhafte und die Auslassung als bildnerische Mittel ein.
Luc Tuymans gehört zu den herausragenden Exponenten einer zeitgenössischen Malerei, in der es explizit um Fragen der Darstellung und der Darstellbarkeit geht. 

Bereits Anfang der 1980er-Jahre, als einer der ersten Künstler seiner Generation, begann er nach der Bedeutung der Malerei in einer mediatisierten Welt zu suchen. Seitdem greift Tuymans in seinen Arbeiten konsequent auf Bildvorlagen wie Polaroids, Videostills oder Abbildungen aus Zeitungen zurück und verweist damit auf den entscheidenden Einfluss der Massenmedien auf unsere Vorstellungen und Erinnerungen. 

Die Kraft der zeitgenössischen Malerei liegt für den Künstler darin, sich in ihrer Langsamkeit und Tradition der Bilderflut zu widersetzen. Auch wenn sie nichts genuin Neues zu schaffen vermag, so bietet sie doch vielfältige Möglichkeiten zu Reflexion und Neubetrachtung.

Die Ausstellung vereint Gemälde des Künstlers aus den letzten 30 Jahren und zeigt darüber hinaus eine Wandzeichnung, die eigens für die Ausstellung entstanden ist. Die Verbindung zwischen dem Ausstellungsort und dem eigenen Werk, das Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart ist Tuymans bei der Präsentation seiner Arbeiten wichtig: In den monumentalen Ausstellungsräumen des Haus der Kunst mit seinem weißgrünlichen Oberlicht, das Tuymans als „verstorbenes Licht“ bezeichnet, spiegelt sich die Art und Weise, wie Tuymans Leere und Raum in seinen Bildern behandelt.

In Zusammenarbeit mit
Mücsarnok Kunsthalle, Budapest
und Zachęta National Gallery of Art, Warschau

Luc Tuymans, Wonderland, 2008 © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, Wonderland, 2008 © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, La Correspondance, 1985, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans
Luc Tuymans, La Correspondance, 1985, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans
Luc Tuymans, Flemish Village [Flämisches Dorf], 1995, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Flemish Village [Flämisches Dorf], 1995, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Mouth [Mund], 1998, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Mouth [Mund], 1998, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Still-life [Stillleben], 2002, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Still-life [Stillleben], 2002, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Mayhem [Durcheinander], 2003, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Mayhem [Durcheinander], 2003, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Felix Tirry
Luc Tuymans, Studio, 2002, Privatsammlung, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Peter Cox
Luc Tuymans, Studio, 2002, Privatsammlung, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Foto Peter Cox
Luc Tuymans, The Book [Das Buch], 2007, Sammlung François Pinault © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, The Book [Das Buch], 2007, Sammlung François Pinault © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, La Correspondance [Die Korrespondenz], 1985; Dusk [Abenddämmerung], 2004, Privatsammlung, beide Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, La Correspondance [Die Korrespondenz], 1985; Dusk [Abenddämmerung], 2004, Privatsammlung, beide Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, Rear Mirror [Rückspiegel], 1986, Hauser & Wirth, Zürich London; Animation, 2002, Courtesy David Zwirner, New York, beide © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, Rear Mirror [Rückspiegel], 1986, Hauser & Wirth, Zürich London; Animation, 2002, Courtesy David Zwirner, New York, beide © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Installationsansicht Luc Tuymanns – Wenn der Frühling kommt, Haus der Kunst, 2008, alle Werke © Luc Tuymans, Foto Wilfried Petzi
Installationsansicht Luc Tuymanns – Wenn der Frühling kommt, Haus der Kunst, 2008, alle Werke © Luc Tuymans, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, Standbilder (Prague, Refribell, Harbours, Waterloo, Nautilus), 1981-82, Privatsammlung, Courtesy Zeno X Gallery Antwerpen © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Luc Tuymans, Standbilder (Prague, Refribell, Harbours, Waterloo, Nautilus), 1981-82, Privatsammlung, Courtesy Zeno X Gallery Antwerpen © Luc Tuymans, Installationsansicht Haus der Kunst, 2008, Foto Wilfried Petzi
Installationsansicht Luc Tuymanns – Wenn der Frühling kommt, Haus der Kunst, 2008, alle Werke © Luc Tuymans, Foto Wilfried Petzi
Installationsansicht Luc Tuymanns – Wenn der Frühling kommt, Haus der Kunst, 2008, alle Werke © Luc Tuymans, Foto Wilfried Petzi

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Bildergalerie


Ausstellungskatalog

Luc Tuymans

Das Buch widmet sich Luc Tuymans' Ausstellung "Wenn der Frühling kommt", die im Frühjahr 2008 im Haus der Kunst stattfand. MEHR


Edition

Luc Tuymans: Edition "Wenn der Frühling kommt", 2007

MEHR


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AUSSTELLUNG

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Video

Interventionen in die Architektur

Video zu den aktuellen Kunstwerken an der Fassade des Haus der Kunst – von Mel Bochner, Christian Boltanski und Gustav Metzger MEHR


Publikation

Haus der Kunst, München. Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus

01.11.15

Allitera Verlag, 2. erweiterte Auflage, München 2015. MEHR