Dinge in der Kunst des XX. Jahrhunderts.

AUSSTELLUNG 02.09 – 19.11.00

Für die Kunst des 20. Jahrhunderts war die Einführung realer Dinge aus der Alltagswelt ebenso entscheidend wie die Abstraktion. Das "große Reale" trat, wie Kandinsky bereits 1911 voraussah, neben das "große Abstrakte". Jetzt wurden die Dinge des täglichen Lebens nicht mehr, wie in der Kunst vergangener Jahrhunderte, malerisch abgebildet oder plastisch nachgeformt, sondern als dreidimensionale, häufig völlig unveränderte Gegenstände aus der Lebenswirklichkeit in die Kunst überführt. Die Ausstellung illustriert diesen Prozess und stellt Kunstwerke vor, die mit der "Dinglichkeit" des Dings ein Spiel der Illusionen treiben.
Der Kubismus mit den um 1912 entstandenen Materialcollagen von Pablo Picasso und Georges Braque gilt als die Geburtsstunde der Dingkunst. Hier vereinigen sich zwei Haltungen zum materiellen Gegenstand – das Interesse  an den sinnlichen Qualitäten des Materials sowie das intellektuelle Spiel mit Zeichen, Worten und mit der Illusion, in der sich die Realitätsebenen mischen. Die sensualistische und die konzeptuelle Herangehensweise prägen die Dingkunst des ganzen 20. Jahrhunderts: Die eine spricht die Sinne an, die andere sucht in malerisch-dinglichen Assemblagen und raumgreifenden Installationen die Interaktion der Dinge mit dem traditionellen Tafelbild und der Skulptur. Diese Tradition führt vom Kubismus und Konstruktivismus eines Iwan Puni zur Pop Art von Jim Dine und Robert Rauschenberg bis hin zu John Armleder, Jessica Stockholder und Franz West.
Durch die Aufnahme des wirklichen Objekts gewinnt die Malerei ihren Realitätsgehalt zurück, den sie in der Konkurrenz mit der immateriellen Welt fotografischer und elektronischer Bildmedien zu verlieren drohte. Mit dem Siegeszug des Fernsehens entwickelt sich in den 1960er-Jahren die amerikanische Pop Art, die im Rückgriff auf den Kubismus und das Readymade vor allem die Banalität von Konsumobjekten und ihre Darstellung in den Massenmedien hervorhebt. Dagegen zielen die französischen "Nouveaux Réalistes" ebenso wie die Vertreter der italienischen Arte povera auf die Einfachheit vorindustriell gefertigter Dinge und setzen damit der ahistorischen Welt der Massenmedien die individuelle Geschichte entgegen. Joseph Beuys und Fluxus-Künstler wie George Brecht, Wolf Vostell, Allan Kaprow und Al Hansen erlösen die Dinge aus ihrer Starre und führen sie durch den Einbezug in "Aktionen" und Happenings in den Fluss des Lebens zurück. Die Verlebendigung der Dinge geschieht aber auch, indem man sie selbst aktiviert (George Segal, Dick Higgins, Bernhard und Anna Blume, Rebecca Horn, Matthew McCaslin), als Indizien von menschlichen Handlungen und Geschichten einsetzt (Daniel Spoerri, Sophie Calle, Olaf Metzel) oder ihnen eine biomorphe Gestalt gibt (Claes Oldenburg, Max Mohr, Veronika Veit).
Die konzeptuelle Richtung der Ding-Kunst betont anstelle der sinnlichen Aspekte deren symbolische Bedeutungen und Zeichencharakter. Als ihr Begründer gilt Marcel Duchamp, der um 1912 Gegenstände aus der Alltagswelt unverändert übernimmt und ihnen als "Readymades" im Museum eine neue Bedeutung zumisst. Der Flaschentrockner wird, seiner eigentlichen Funktion enthoben, zur Projektionsfläche vielschichtiger Bedeutungen. Den Ansatz führen Man Ray, Francis Picabia und die Surrealisten fort, indem sie aus dem "objet trouvé" einen Fetisch, ein Zeichen für das sexuelle Begehren machen.
Während die Pop Art-Künstler Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Jim Dine und Claes Oldenburg am Ding vor allem seine sinnlich-haptischen Qualitäten schätzen, richtet sich das Interesse von Andy Warhol auf die Monumentalisierung des aus der Werbung übernommenen Objekts in seinem Charakter als Ware. Er stellt nicht die Brillo-Produkte selber aus, auch nicht ihre Verpackung mit dem Markenzeichen, sondern Holzkisten, auf denen diese Markenzeichen mit Siebdruck täuschend echt nachgeahmt sind – also Zeichen von Zeichen.
Unter den Bedingungen der Verflüchtigung der Gegenstände in ihrer massenmedialen Reproduktion verschwindet der Gegensatz zwischen dem Realen und dem Imaginären aus dem Bewusstsein. In diese medial erzeugte Wirklichkeit des Imaginären interveniert die Kunst mit Imitationen aus Werbung, Mode und Design mit dem Ziel einer Verdoppelung des Realen. Bei Richard Artschwager und Bertrand Lavier, bei Jeff Koons und Sylvie Fleury, aber auch in Thomas Demands Fotografien nachgebauter Gegenstände, verdoppeln sich die Dinge, da sie nicht sind, was sie zu sein scheinen. In diesem Schein aber sind sie so wirklich wie die Realität selbst. Die Dinge, die in der Kunst der 1980er- und 1990er-Jahre eine zentrale Rolle spielen, sind Imitationen des Warenscheins und Fake einer nicht authentischen Wirklichkeit. Was bleibt, ist der Schein des Scheins, nicht wesentlich anders als in der alten Kunst, die mit den illusionistischen Mitteln der Malerei und Bildhauerei die Wirklichkeit imitiert.

Salvador Dalí, White Aphrodisiac Telephone, 1936, Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam © Demart Pro Arte, Paris und Genf 2000 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2000
Salvador Dalí, White Aphrodisiac Telephone, 1936, Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam © Demart Pro Arte, Paris und Genf 2000 © VG Bild-Kunst, Bonn, 2000
Andreas Slominski, ohne Titel, 1991, Museum für Moderne Kunst Frankfurt/Main
Andreas Slominski, ohne Titel, 1991, Museum für Moderne Kunst Frankfurt/Main
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi
Dinge – Die Kunst im XX. Jahrhundert, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2000, Foto Wilfried Petzi

Stretch your view


Stretch your view


AUSSTELLUNG

Kurt Schwitters

09.03 – 27.05.01

Die Ausstellung ist eine umfangreiche Retrospektive des Künstlers und Antikünstlers, des Revolutionärs und Traditionalisten, des Bürgerschrecks und Kleinbürgers Kurt Schwitters. MEHR


AUSSTELLUNG

Dora Maar

13.10.01 – 06.01.02

Bekannt als Gefährtin, Modell und Muse Pablo Picassos und als solche Motiv vieler seiner berühmtesten Bilder, wird allzu oft außer Acht gelassen, dass Dora Maar selbst eine herausragende Künstlerin war. MEHR


AUSSTELLUNG

Mattis-Teutsch

06.07 – 07.10.01

Die Ausstellung "Mattis-Teutsch und Der Blaue Reiter" ist die erste Retrospektive des siebenbürgischen Künstlers Hans Mattis-Teutsch. Zu sehen sind über 150 Gemälde, 40 Skulpturen, 30 Grafiken sowie 70 Linol- und Holzschnitte. MEHR


AUSSTELLUNG

Michel François

15.12.00 – 04.03.01

Der belgische Künstler Michel François spielt mit dem von Carlos Castaneda entlehnten Ausstellungstitel "La plante en nous – Die Pflanze in uns" auf dessen Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Halluzinogenen an. MEHR


AUSSTELLUNG

Sean Scully

14.06 – 16.09.01

Im Zentrum der Ausstellung im Haus der Kunst, die rund 100 Gemälde, Pastelle, Aquarelle und Fotografien zeigt, steht Sean Scullys Schaffen in den 1990er-Jahren. MEHR


AUSSTELLUNG

Krieg und Frieden

09.11.01 – 10.02.02

Das Zarenschloss Pawlowsk mit seinem weitläufigen Parkensemble, etwa 30 km südlich von St. Petersburg gelegen, kann als Schöpfung einer deutschen Prinzessin gelten, der russischen Großfürstin, Zarin und Zarenwitwe Maria Fjodorowna, einer geborenen Prinzessin Sophie Dorothée von Württemberg. MEHR