Der Blaue Reiter München und die Kunst des 20. Jahrhunderts

AUSSTELLUNG September 1949 —  Oktober 1949

Wenige Jahre nach Kriegsende rückte das Haus der Kunst mit der Ausstellung "Der Blaue Reiter" jene Kunst in den Mittelpunkt, die einst einen wesentlichen Anteil an der europäischen Avantgarde hatte und später als "entartet" diffamiert wurde. Kurator Ludwig Grote schlug mit der Ausstellung ein bedeutendes Kapitel der Kunstgeschichte Münchens auf. In Zusammenarbeit mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und der amerikanischen Militärregierung zeichnete er anhand von 288 malerischen und grafischen Werken den Weg der Künstlergruppe von 1908 bis 1914 und damit jene "geistige und künstlerische Bewegung" nach, "die durch ihre schöpferische Kraft eine weltweite … Auswirkung gehabt hat."

Die Entwicklung des Blauen Reiters nahm mit der "Neuen Künstlervereinigung München" NKVM ihren Anfang, die Wassily Kandinsky und Alexej Jawlensky 1909 gegründet hatten und der auch Franz Marc 1911 beitrat. Aus dem Kreis fortschrittlicher Künstler, die 1909/10 mit Ausstellungen in der Münchner Galerie Thannhauser hervortraten, zeigte die Ausstellung im Haus der Kunst Bilder von Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Adolf Erbslöh, Alexander Kanoldt, Alfred Kubin, Wladimir von Bechtejeff, Erma Bossi, Moissey Kogan und Pierre Girieud. Auch die Vorbilder der französischen Avantgarde – Henri Matisse, Pablo Picasso, Georges Braque u.a. – waren mit hervorragenden Arbeiten in München vertreten. Nachdem 1911 auch Franz Marc zur NKVM gestoßen war, kam es in der Vereinigung zu Streitigkeiten um Kandinskys Hinwendung zur Abstraktion, die zum Austritt von Kandinsky, Marc, Kubin und Münter und zur Gründung der Gruppe "Der Blaue Reiter" führten. Die erste Ausstellung der neuen Künstlergruppe fand Ende 1911 ebenfalls bei Thannhauser statt und bezog u.a. Arbeiten von Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, Eugen von Kahler, August Macke, Wladimir Burljuk und Louis Moilliet ein. Bei einer zweiten "Blauer Reiter"-Ausstellung Anfang 1912 in der Münchner Kunsthandlung Hans Goltz waren insgesamt 25 Künstler, darunter Paul Klee, mit grafischen Blättern vertreten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs löste sich die Gruppe auf. Ihre Werke ebenso wie der 1912 publizierte "Almanach" mit theoretischen Schriften künden von der wegweisenden Bedeutung der Künstlergruppe für die Kunst des 20. Jahrhunderts.
Der Blaue Reiter war eine Gemeinschaft von Künstlern, die sich – vorwiegend in den oberbayerischen Orten Murnau, Kochel und Sindelsdorf – um die prägenden Persönlichkeiten von Wassily Kandinsky und Franz Marc bildete. Zum engeren Kern zählten – so die Retrospektive von 1949 – Alexej Jawlensky, Gabriele Münter, Paul Klee, August Macke und Heinrich Campendonk. Sie waren in der Nachkriegsausstellung jeweils mit einer repräsentativen Auswahl von Werken vertreten. Diese lassen den Einfluss der Fauves, von Kubismus und Orphismus sowie die Anregung durch die primitive Kunst erkennen, und machen die stilistische Entwicklung zu einem auf Flächigkeit, Farbkontrast und Vereinfachungen basierenden Expressionismus ebenso nachvollziehbar wie das Ringen um spirituelle Tiefe.
Wassily Kandinsky hatte als Maler wie als Theoretiker und Verfasser von "Über das Geistige in der Kunst" (1911) den Weg zur Abstraktion gewiesen. Die anfängliche Lösung von der realistischen Sichtweise der Natur in den expressiven Murnauer Motiven führte ihn in der "Träumerischen Improvisation" (1913) zu einer freien, der Musik nachempfundenen Malerei, deren abstrakte Komposition er als Ausdruck einer inneren Ordnung sah.
Gabriele Münter ließ sich im Murnauer Domizil durch die bayerische Volkskunst, insbesondere durch die dekorativen Hinterglasbilder zu atmosphärisch dichten Bildern wie dem "Stillleben mit Hl. Georg" (1911) und lebhaften Landschaften ("Der blaue Berg", 1908) inspirieren, in denen sich die Motive in leuchtenden Farbkontrasten zu konturierten Flächen fügen.
Franz Marc teilte mit Wassily Kandinsky die Sehnsucht nach dem geistigen Sein. In kubistisch facettierten Bildern machte er das Tier in der Landschaft ("Die großen blauen Pferde", 1911) zum Symbol einer mystisch-innerlichen Auffassung von kosmischer Einheit, bevor er sich abstrakten Kompositionen zuwandte und mit den "Kämpfenden Formen" (1914) das Spannungsfeld zwischen dem Materiellen und dem Geistigen beschrieb.
Auch Alexej Jawlenskys Stillleben und Landschaften aus den Murnauer Jahren zeugen von der Suche nach dem Einklang von sichtbarer Welt und innerem Erleben. Es folgen zahlreiche Variationen zum Kopf als Vision von Geistigkeit (z.B. "Kopf in Schwarz und Grün", 1913).
August Macke gelangte über den engen Austausch mit den Künstlern des Blauen Reiters zum Motiv der Figurengruppe in der Landschaft. Seine "Drei Mädchen mit gelben Strohhüten" (1913) sind in das von Robert Delaunay entlehnte Gefüge simultaner Farbkontraste eingebunden und scheinen bei aller Lebendigkeit im sommerlichen Park zugleich der Realität entrückt.
Angeregt durch die Reise nach Tunis, die Paul Klee 1914 mit August Macke und Louis Moilliet unternommen hatte, banden seine transparent-leuchtenden Aquarelle die Landschaftsmotive in ein flächiges Muster von farbigen Rechteckformen ein (z.B. "Föhn im Marc'schen Garten", 1915).
Nachdem Heinrich Campendonk an beiden Ausstellungen des Blauen Reiters teilgenommen und sich in Sindelsdorf niedergelassen hatte, wurde er 1912 Mitglied der Gruppe. Seine Bilder verknüpfen die kubistische Struktur mit der märchenhaften Erzählweise von Marc Chagall und verdichten sie zu surrealer Poesie.

Der Katalog im broschierten DIN A5-Format mit der farbigen Wiedergabe des Almanach-Umschlags als Titelblatt umfasst ca. 45 Seiten. Ludwig Grote, der Kurator der Ausstellung, schrieb das Vorwort sowie die Einführung "Die Kunst in München um 1900" und "Der Weg zum Blauen Reiter". Neben zwei Farbabbildungen enthält er zahlreiche s/w-Reproduktionen sowie eine Liste der ausgestellten Werke.

In der Ausstellung vertretene Künstler:

Wladimir von Bechtejeff, Albert Bloch, Jean Bloé Niestlé, Erma Bossi, Georges Braque, Wladimir Burljuk, Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, André Derain, Kees van Dongen, Adolf Erbslöh, Pierre Girieud, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Alexander Kanoldt, Paul Klee, Eugen von Kahler, Moissey Kogan, Alfred Kubin, August Macke, Franz Marc, Henri Matisse, Louis Moilliet, Gabriele Münter, Pablo Picasso, Georges Rouault, Henri Rousseau, Maurice de Vlaminck, Marianne von Werefkin

"Der Blaue Reiter", Ausstellungseröffnung im September 1949 mit Ludwig Grote (ganz links) und Gabriele Münter (rechts am Rand), Lenbachhaus München / Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung
Wassily Kandinsky, Träumerische Improvisation, 1913, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Wassily Kandinsky, Träumerische Improvisation, 1913, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur

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