Wege zur Abstraktion. 80 Meisterwerke aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza

AUSSTELLUNG 12.08 – 09.10.88

Die Sammlung des Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza (1921-2002) – 1988 noch in der Villa Favorita in Lugano beheimatet – diente als Grundstock der Ausstellung in München und Luxemburg. Anstelle der wiederholten Präsentation berühmter Werke der Alten Kunst konzentrierte man sich nun auf "80 Meisterwerke" der Klassischen Moderne, um an ihnen die "Wege zur Abstraktion" exemplarisch nachzuvollziehen. Gemälde von über sechzig Künstlern aus mehr als zehn Ländern zeugen von der Bandbreite des Sammlerinteresses. Die Auswahl charakteristischer Objekte aus den Jahren 1908 bis 1928 zeigt, dass "eine lineare, einem Ismus nach dem anderen folgende Darstellung" der Entwicklung nur bedingt gerecht wird, weshalb die Kuratoren das Ziel der Ausstellung darin sahen, "die Parallelität der diversen Erscheinungen hervorzuheben."
Als Vorstufe der Wege zur Abstraktion gilt der Impressionismus, der im ausgehenden 19. Jahrhundert mit Malern wie Gauguin und van Gogh den Abschied von der Linearperspektive und die Hinwendung zu Farbe und Fläche vorbereitet. Hier "beginnt in der Kunst der Weg von der Nachahmung zur Erfindung der Wirklichkeit", wie ihn Wolfgang Drechsler in seinem einführenden Katalogaufsatz skizziert. Der Impressionismus bringt um die Jahrhundertwende die "Absage an die Ersatzfunktion des Bildes und das Bekenntnis zu dessen Autonomie" mit sich.
Pablo Picasso und Georges Braque tun mit der Erfindung des Kubismus den entscheidenden Schritt. Sie halten an der Realität fest und versuchen zugleich, die räumlichen Verhältnisse eines Gegenstandes möglichst exakt wiederzugeben. Braques "Femme à la Mandoline" (1910) markiert den Zeitpunkt, wo aus der dargestellten Realität eine Bildrealität wird. Zur gleichen Zeit beschwört der Futurismus in Italien – mit Ugo Boccioni, Carlo Carrá, Luigi Russolo und Giacomo Balla unter Anführung von Filippo Tommaso Marinetti – die moderne Technik und den Fortschritt. Gino Severini zerlegt in "Ausbreitung des Lichts" (1912) das Motiv in geometrische Facetten in leuchtenden Farben und huldigt so der modernen Dynamik. In Paris zählt um 1910 Robert Delaunay mit seiner Eiffelturm-Serie und den Fenster-Bildern als Vorreiter der Moderne und Begründer des Orphismus: Er macht das Licht zum Bildthema und räumt der Zeit den Vorrang über den Raum ein, der Bewegung über die Statik (Frau mit Regenschirm, die Pariserin, 1913). Im Licht und jenen Formen, die entstehen, wenn sich die Reflexstrahlen der Gegenstände kreuzen, sehen die russischen Vertreter des Rayonismus Michail Larionow und Natalia Gontscharowa die Möglichkeit der Darstellung einer vierten Dimension (Rayonistische Landschaft – der Wald, 1913). Dort findet der Weg in die Abstraktion mit dem Kubo-Futurismus eine besondere Prägung (Alexandra Exter, Stillleben mit Flasche und Glas, 1923).
Der in München lebende Exilrusse Wassily Kandinsky als prominenter Vertreter einer künstlerischen Avantgarde löst sich nach impressionistischen Anfängen (Ludwigskirche in München, 1908) als Gründer des Blauen Reiter und Vertreter des deutschen Expressionismus über die Verwendung klarer Farben, den Verzicht auf Perspektive zugunsten der Fläche und den Verzicht auf beschreibende Details schrittweise vom Vorbild der Natur. Auf der Suche nach dem "inneren Klang", die er in seiner Schrift "Über das Geistige in der Kunst" beschreibt, gelangt Kandinsky 1910 – Drechsler zufolge jedoch "wohl erst 1913" – zur ersten gänzlich gegenstandsfreien Darstellung, zur Abstraktion. "Die Zerstörung der Dingwelt ist die Voraussetzung für die Gewinnung einer neuen Ordnung", wie sie der Maler als Lehrer am Bauhaus "Im hellen Oval" (1925) erreicht. Zur gleichen Zeit entsteht in England mit dem Vortizismus eine eigenständige Variante der kubistischen Formzersplitterung (David Bomberg, Der Tänzer, 1913). Dagegen präsentiert sich der 1916 in Zürich entstandene Dadaismus eher als Protestbewegung, der sich in Deutschland Hannah Höch und Kurt Schwitters (Merzbild 1A, Der Irrenarzt, 1919) anschließen, die mit Collagen, Assemblagen und Fotomontagen einen neuen Bezug zwischen Kunst und Leben herstellen. Aus dem Dadaismus schließlich geht der Surrealismus hervor, der die Bereiche des Unbewussten malerisch erschließt, wie dies z.B. in den Werken von Max Ernst der Fall ist (Das Meer, 1926).
Anfang der 1920er-Jahre bewegt sich die Kunst unter Maßgabe von Ordnung, Sachlichkeit und Konstruktion auf die Abstraktion zu. Der Kunsthistoriker Drechsler bevorzugt dabei, "die zahlreichen Ismen nicht als Stile im formalen Sinn zu bezeichnen, sondern als Varianten ein und desselben Stilwollens, das darauf ausgerichtet ist, eine neue Ordnung zu schaffen." Deutlich wird dies an der 1917 in Holland um Theo van Doesburg gegründeten Gruppe De Stijl und dem von ihr geprägten Elementarismus. Insbesondere Piet Mondrian wird mit seinen streng geometrisch komponierten Gemälden aus drei Primärfarben, und kräftigen schwarzen "Urlinien" zum Vertreter des Neoplastizismus und zum Wegbereiter einer Kunst, die kaum mehr Anbindung an die sichtbare Welt aufweist (Composition I, 1931). Kasimir Malewitsch beschreitet in Russland den Weg in Richtung einer konzeptionellen Abstraktion am radikalsten. Sein Suprematismus bringt als Spielart des Konstruktivismus eine neue Dimension in die Kunst: "Alle anderen blieben mehr oder weniger innerhalb eines kunstimmanenten Bezugssystems, er dagegen schuf eine neue Sprache aus Empfindung und Rhythmus" (Ohne Titel, circa 1919). In Deutschland wird das Bauhaus zum Schmelztiegel neuer Ideen, seine Lehrer Paul Klee, Lyonel Feininger, László Moholy-Nagy und Johannes Itten entwickeln eine eigenen Form geometrisierenden Gestaltens (Paul Klee, Attrappen, Omega 5, 1927).
Die Ausstellung beschrieb die vielfältigen Wege, die die Kunst von 1908 bis 1928 zur Abstraktion führten. Am Ende fand sie – Wolfgang Drechsler zufolge – darüber hinaus zu jener Freiheit, in der sich die Extrempositionen aufheben, wo es den Künstlern frei steht, gegenständlich oder gegenstandslos zu malen und jenseits aller Ideologie das Konkrete mit dem Abstrakten zu verbinden.

Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Stadt Luxemburg

Der broschierte Katalog im DIN A4-Format umfasst 183 Seiten und zeigt auf dem Cover das Gemälde "Der Raucher" von Juan Gris (1913). Die Einführung zum Thema verfasste Wolfgang Drechsler. Der Katalog listet 80 Werke, die jeweils mit Kurzbiografie, kunsthistorischer Werkbeschreibung und Farbabbildung dargestellt sind.

August Macke, Ausreitende Husaren, 1913, Privatsammlung © Christie's Images / Bridgeman Images
August Macke, Ausreitende Husaren, 1913, Privatsammlung © Christie's Images / Bridgeman Images
Francis Picabia, Embarras (Ratlosigkeit), 1914, Privatsammlung © Bridgeman Images
Francis Picabia, Embarras (Ratlosigkeit), 1914, Privatsammlung © Bridgeman Images
Frantisek Kupka, Die Bohrmaschine, 1925, Detail, Privatsammlung © Bridgeman Images
Frantisek Kupka, Die Bohrmaschine, 1925, Detail, Privatsammlung © Bridgeman Images

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Picasso 1900–1955

Die Ausstellung vollzog die künstlerische Entwicklung Pablo Picassos anhand von insgesamt 256 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen und Keramiken nach. MEHR


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Kurt Schwitters

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12.06 – 12.09.99

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Eine Reise ins Ungewisse

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Dora Maar

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Elan Vital oder Das Auge des Eros.

20.05 – 14.08.94

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Barnes Collection

23.06 – 22.10.95

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07.03 – 30.05.99

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AUSSTELLUNG

Georges Braque

Die Retrospektive zum Werk von Georges Braque erhielt durch den Tod des Künstlers wenige Monate vor der Eröffnung besondere Aktualität. MEHR


Podcast, Audioguide

Gerhard Richter — Audioguide, 2009

Die Ausstellung zeigte eine umfassende Auswahl der abstrakten Gemälde Gerhard Richters, die er seit Mitte der 1970er-Jahre schuf und die heute sein Werk dominieren. Der Audioguide beleuchtet ausgewählte Werke der Ausstellung, wie den Bilderzyklus "Cage" oder das farbintensive Gemälde "Claudius". MEHR


Audioguide

Black Paintings — Audioguide, 2006

Die Ausstellung zeigte die berühmten schwarzen Gemälde von Künstlern der New York School erstmals im Überblick – Werke von Barnett Newman, Robert Rauschenberg, Mark Rothko, Frank Stella u.a. MEHR


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Wassily Kandinsky 1866–1944

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