Giorgio de Chirico — Der Metaphysiker

AUSSTELLUNG 17.11.82 – 30.01.83

Mit einer noch vom früheren Direktor Peter A. Ade angeregten Retrospektive präsentierte das Haus der Kunst das Werk von Giorgio de Chirico (1888-1978). Während jedoch William Rubin vom Museum of Modern Art in New York nur den "Metaphysiker" anerkannte und sich dort und in London auf das Frühwerk bis 1919 beschränkte, setzten sich die Mit-Kuratoren Wieland Schmied, München, und Jean Clair vom Centre Georges Pompidou in Paris für eine hier durch dreißig Bilder und zahlreiche Zeichnungen erweiterte Fassung der Ausstellung ein, die bis in die 1930er-Jahre reicht, wo der kurzzeitig intensivierte Kontakt des Künstlers zu den Pariser Surrealisten eine neue malerische Orientierung mit sich brachte.
Wieland Schmied schreibt in seinem Katalogbeitrag "Die sieben Städte Giorgio de Chiricos" dessen Mythologie der Bindung an die Städte Volos, München, Florenz, Turin, Ferrara und Rom zu und beleuchtet "die metaphysische Kunst des Giorgio de Chirico vor dem Hintergrund der deutschen Philosophie: Schopenhauer, Nietzsche und Weininger". Als Schlüsselerlebnis gilt dem Kunsthistoriker jener Moment, als der Maler auf der Piazza Santa Croce in Florenz an einem Herbstnachmittag des Jahres 1910 die sichtbare Wirklichkeit für einen Augenblick als entfremdet wahrnimmt und die Vision der eigenen metaphysischen Bildwelt erahnt. Mit der "Pittura metafisica" konstruiert Giorgio de Chirico eine von Gott und den Menschen verlassene Welt, doch "in der schrecklichen Leere" öffnet sich die "unbeseelte und ruhige Schönheit der Materie".
Spezielle Aspekte im Werk von Giorgio de Chirico beleuchten die Beiträge von Jean Clair zu "Chronos und Mnemosyne" und Christian Derouet "Ein Fall von italienischem Spätbarock in Paris". Dagegen stellt William Rubin in seiner Abhandlung über "De Chirico und der Modernismus" die neue Bildauffassung in den Mittelpunkt. Sie offenbart sich in der verzerrten Perspektive einer bühnenartigen Architekturkomposition, in den harten Kontrasten scharf konturierter Farbfelder und in der uneinheitlichen Lichtführung ("Die Rätsel eines Tages", 1914). Die Statuen inmitten weiter Plätze bleiben gewichtslos und schemenhaft ("Der Prophet", 1915), die plastisch modellierten Stillleben aus heterogenen Dingen entfalten unter dem Einfluss der Pariser Surrealisten die irrationale Magie von Traumbildern ("Das Lied der Liebe", 1914). Im Laufe der Jahre treibt er den kubistischen Bruch mit den traditionellen Stilvorstellungen von Einheitlichkeit und Kontinuität in den "Piazza d'Italia"-Motiven immer weiter ("Die beunruhigenden Musen", 1917). In den "Mannequin-Bildern" werden hölzerne Figuren, die an die Gliederpuppen-Modelle von Künstlern erinnern, von hinten durch ein Stück Holz gestützt – eine Verhöhnung nicht nur alter Standbilder, sondern gar des Menschenbildes ("Der große Metaphysiker", 1917). Rubin zufolge setzt um 1918 ein tief greifender Wandel im Werk de Chiricos ein, der – nach einer Periode mit Landschaftsbildern in den 1920er-Jahren – zur Wiederholung gelungener Werke, darunter achtzehn Versionen der "beunruhigenden Musen" aus den Jahren zwischen 1945 und 1962, führt.

In Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art, New York, und dem Musée national d'art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris

Der großformatige Hardcover-Katalog trägt auf dem Titel die farbige Abbildung von Giorgio de Chiricos Gemälde "Der Prophet" (1915) und umfasst 290 Seiten. Er enthält im Textteil Aufsätze von Wieland Schmied, William Rubin, Jean Clair und Christian Derouet. Der Katalog der ausgestellten Werke listet insgesamt 200 Objekte, davon 90 Gemälde sowie Zeichnungen und Lithografien. Der Abbildungsteil enthält zahlreiche Farb- und s/w-Fotos. Im Anhang finden sich Biografie, Bibliografie sowie eine Dokumentation über "De Chirico und die Surrealisten".

Fotonachweis Giorgio de Chirico, Der verwandelte Traum: Fotoarchiv Marburg

Giorgio de Chirico, Der verlorene Sohn, 1922, Detail, Civica Galleria d'Arte Moderna, Mailand © VG Bild-Kunst, Bonn, 1982 / Bridgeman Images
Giorgio de Chirico, Der verlorene Sohn, 1922, Detail, Civica Galleria d'Arte Moderna, Mailand © VG Bild-Kunst, Bonn, 1982 / Bridgeman Images
Giorgio de Chirico, Die Unsicherheit des Dichters, 1913, Detail, Privatsammlung, London © VG Bild-Kunst, Bonn, 1982 / bpk Bildagentur
Giorgio de Chirico, Die Unsicherheit des Dichters, 1913, Detail, Privatsammlung, London © VG Bild-Kunst, Bonn, 1982 / bpk Bildagentur
Giorgio de Chirico, Der verwandelte Traum, 1913, Detail, The St. Louis Art Museum © VG Bild-Kunst, Bonn, 1982 / Fotoarchiv Marburg www.fotomarburg.de
Giorgio de Chirico, Der verwandelte Traum, 1913, Detail, The St. Louis Art Museum © VG Bild-Kunst, Bonn, 1982 / Fotoarchiv Marburg www.fotomarburg.de

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