Panamarenko

AUSSTELLUNG 31.07 – 03.10.82

Mit der Ausstellung von Objekten und Zeichnungen des belgischen Künstlers Panamarenko (eigentlich Henri van Herwegen, geb. 1940) wurde ein junger zeitgenössischer Künstler gewürdigt, der sich seit den 1960er-Jahren mit Aktionen und Happenings hervorgetan und die Gattung Skulptur mit "poetischen Objekten" und später mit selbst gebauten Automobilen, Luftschiffen und Flugmaschinen bereichert hatte. Die Anerkennung für sein originelles, im Spannungsfeld von Ingenieurskunst und individueller Mythologie rangierendes Werk erlangte mit der Teilnahme an der Documenta 1972 und 1977, mit Einzelausstellungen in internationalen Museen sowie mit der ersten Retrospektive in München einen Höhepunkt.
Lucius Grisebach als Kurator der Ausstellung befasst sich in seinem Katalogbeitrag unter dem Titel "Kunst ist Poesie" mit Panamarenkos Werk. Im radikalen Bruch mit den Konventionen der Kunst findet Panamarenko seine Themen in der Technologie, "doch die Poesie ist etwas hinter dem Sichtbaren ... etwas Stimmungshaftes". Diesem geben die zwischen 1966 und 1968 entstandenen "poetischen Objekte" Ausdruck: "Magnetische Schuhe", also Lederschuhe mit Elektromagneten an den Sohlen, verkörpern die Idee einer Begehung der Raumdecke; das "Schweizer Fahrrad" soll durch unterschiedlich große Räder das Fahren bergauf erleichtern. Grisebach zufolge entwickelt Panamarenko seine Objektkunst in "stillen Situationen, die isoliert und mit künstlichen Mitteln nachgebaut werden. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Technik, nicht das Material oder die äußerliche Form, sondern die Bewegtheit, Lebendigkeit und Stimmungshaftigkeit".
Das stimmungshafte Moment findet sich auch in den Flugobjekten. Sein erstes Flugzeug baut Panamarenko 1967 – ein graziles Gebilde aus mit Klebestreifen zusammengehaltenen Stangen und Drähten, mit Flügeln aus Papier und Styropor und mit einem Fahrradantrieb, der das Gebilde durch die Muskelkraft des Piloten in die Lüfte erheben soll. Visionär sind auch der "Portable Air Transport" (1969), ein Hubschrauber mit Rasenmähermotoren, und die "Donnerwolke" (1971), eine kleine Propellermaschine unter übergroßem schwarzem Segel, die Einmann-Fluggeräte und die Automobil-Modelle (Prova-Car, 1967). Auf der Documenta 1972 beeindruckt Panamarenko mit einem zeppelinartigen Luftschiff, an dem eine kleine Gondel hängt (The Aeromodeller, 1969-71); auf der Documenta 1977 zeigt er sein Gummiauto "Polistes", das bereits Aspekte wie Sicherheit und Energieeinsparung berücksichtigt.
Die einzigartige Poesie im Werk Panamarenkos liegt für Lucius Grisebach darin, dass sich der Künstler als Hand-Werker mit großer Ernsthaftigkeit in die Situation des erfinderischen Pioniers versetzt und mit seinen primitiven Gebilden Werte zum Ausdruck bringt, die heute nicht mehr gelten: "Die Bindung des einzelnen Menschen an seine Arbeit und deren Ziel, die Verständlichkeit und Überschaubarkeit technischer Zusammenhänge, das unmittelbare, persönliche Erlebnis von Fortschritt, Abenteuer ... und Beherrschung von Technik durch den Menschen". Eine Realisierung der Ideen, eine konkrete Umsetzung in Form von Flugversuchen ist nachrangig – die Flugzeuge fliegen nicht, die Raketen starten nicht, das Raumschiff bleibt Modell. Für den Künstler liegt die Bedeutung der Objekte vielmehr im Entwickeln und Bauen, im Spannungsfeld von Idee und Arbeit.
Ihren Höhepunkt finden diese Ideen in den Theorien Panamarenkos – etwa der vom "Negentrop": Es trägt den Untertitel "Zu den Sternen mit fliegenden Untertassen und magnetischen Kräften" und baut auf eine Vision: "Wäre es nicht fantastisch, eine negentropische Wirklichkeit zu finden, die nicht nur den zweiten thermodynamischen Hauptsatz bricht, sondern auch den von der Erhaltung des Impulses". Die Überlegungen sind in Schriftform gefasst, mit Skizzen illustriert und veranschaulichen die "Vorstellung, dass schöpferische Fantasie Grenzen überwindet und neue Welten eröffnet." So liegt für Jan Hoet der Stellenwert von "Panamarenko heute" in der Bedeutung seiner Objekte als Metapher für die menschliche Existenz – Objekte, "die es uns ermöglichen, in unserem Geist viel weiter zu fliegen, als es in Wirklichkeit je möglich sein wird".

Der Hardcover-Katalog zeigt auf der Vorderseite auf schwarzem Grund das Objekt "Flying Cigar called Flying Tiger I" (1980). Er umfasst 180 Seiten; der Textteil enthält das Vorwort von Lucius Grisebach sowie Aufsätze von Hector Waterschoot, Phil Mertens und Jan Hoet. Das Verzeichnis der ausgestellten Objekte (25) und Zeichnungen umfasst 68 Nummern, die durch 12 Farb- und zahlreiche s/w-Fotografien illustriert sind. Im Anhang finden sich Biografie, Ausstellungsverzeichnis und Bibliografie.

Panamarenko, 1968, Courtesy the artist © bpk Bildagentur, Foto Angelika Platen
Panamarenko, 1968, Courtesy the artist © bpk Bildagentur, Foto Angelika Platen
Panamarenko, Der Aeromodeller, Luftschiff, 1969-71, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Courtesy the artist © bpk Bildagentur, Foto Reinhard Friedrich
Panamarenko, Der Aeromodeller, Luftschiff, 1969-71, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Courtesy the artist © bpk Bildagentur, Foto Reinhard Friedrich

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