Egon Schiele 1890–1918

AUSSTELLUNG 22.02 – 11.05.75

Egon Schieles kurzes Leben "im Umkreis der noch einmal vom Glanz einer sterbenden Epoche verklärten Wiener Kultur" bildete den Hintergrund für die Ausstellung mit rund 300 Werken des Künstlers. Thomas M. Messer, Direktor des Solomon R. Guggenheim Museums in New York und Kurator der Ausstellung, gründete sein wissenschaftliches Konzept auf die jüngsten Publikationen: Die Werkverzeichnisse der Gemälde und grafischen Arbeiten von Otto Kallir (1966/1970) sowie die Monografien von Walter Koschatzky (1968) und Rudolf Leopold (1972). Sie zeugten von der Aktualität der Kunst Egon Schieles, die der Kurator in seinem Vorwort als "eine seltsam prophetische Vorwegnahme jener neuen Beschäftigung mit malerischen und plastischen Werten" bezeichnet, die darauf ziele, die Bindung an die gegenständliche Welt mit den abstrakten Komponenten "Dekoration, Expression und Konstruktion" zu versöhnen.
In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, stand Egon Schieles Leben von Anfang an im Zeichen der Rebellion gegen die bürgerliche Gesellschaft. Nach einem kurzen Studium an der Wiener Kunstakademie gründete er 1909 die "Neukunstgruppe" und nahm an ersten Ausstellungen teil. Seine frühen Werke zeugen von der Prägung durch die Wiener Secession und dem Einfluss seines Vorbildes Gustav Klimt. Im Bildnis seiner Schwester "Gertrude Schiele" (1909) ersetzt er die weichen Linien des Jugendstils durch eckig-expressive Konturen und steigert Klimts schwüle Erotik ins Aggressive und Tragische. Die zahlreichen Selbstbildnisse Egon Schieles – darunter auch jenes von 1910, das auf dem Katalogtitel zu sehen ist – künden von Weltangst und Misstrauen gegen die Menschen. Obgleich sich Schiele künstlerisch vielfach mit dem Thema Landschaft beschäftigte ("Krumau an der Moldau", 1913/14), wurde er in der Öffentlichkeit vor allem durch die Skandale bekannt, die ihm die erotischen Zeichnungen von seiner Geliebten Wally Neuzil eintrugen ("Sitzendes Mädchen mit schwarzen Strümpfen", 1911). Aktdarstellungen wie diese hatten für ihn 1910 die Vertreibung aus Krumau und die Verhaftung in Neulengbach mit einer mehrwöchigen Haftstrafe zur Folge. Anschließend konsolidierte sich Egon Schieles Situation: Er fand im Sammler Heinrich Benesch einen Mäzen, und seine Werke waren seit 1913 auf Ausstellungen im In- und Ausland vertreten. Trotz der Einziehung zum Militärdienst im Jahr 1915 erlangte Schiele durch seine Heirat mit Edith Harms auch privates Glück ("Die Familie, Kauerndes Menschenpaar", 1918), bevor beide 1918 der Spanischen Grippe zum Opfer fielen.
Postum begründeten gerade Egon Schieles Akte seinen künstlerischen Ruhm. Der Maler gibt die weiblichen Modelle in anti-akademischer Pose, meist in extremer Unter- oder Aufsicht wieder, ihre Körper sind mit wenigen Strichen konturiert und durch farbige Flächen akzentuiert ("Liegende Frau mit grünen Strümpfen", 1917). Im Bezug zur Kunst seiner Zeit – insbesondere im Vergleich mit Oskar Kokoschka, Ferdinand Hodler und Edvard Munch – wies der Kurator Egon Schiele eine Sonderstellung zu. Er würdigte, dass es ihm gelang, die Leiden an der Sexualität und die Nachtseite der Erotik darzustellen und der seelischen Befindlichkeit des modernen Menschen Ausdruck zu verleihen: "In dem Maße, in dem das Pendel unserer Sensibilität vom Essenziellen zum Existenziellen ausschlägt, bietet sich Schieles Kunst mit erneuter Dringlichkeit an".

Der broschierte Katalog trägt auf dem Titel die farbige Abbildung von Egon Schieles "Selbstbildnis" (1910) und umfasst circa 260 Seiten. Der Textteil enthält ein Vorwort von Thomas M. Messer sowie die durch Fotos illustrierten Lebensdaten des Künstlers, ein Ausstellungsverzeichnis und eine Bibliografie. Insgesamt sind 285 Objekte aufgeführt, davon 72 Gemälde, eine Vielzahl von Aquarellen, Gouachen und Zeichnungen sowie Druckgrafik. Der Abbildungsteil enthält 12 Farbabbildungen und zahlreiche s/w-Fotos.

Egon Schiele, Ansicht von Krumau, 1916, Neue Galerie der Stadt Linz, Wolfgang-Gurlitt-Museum © bpk Bildagentur, Foto Hermann Buresch
Egon Schiele, Ansicht von Krumau, 1916, Neue Galerie der Stadt Linz, Wolfgang-Gurlitt-Museum © bpk Bildagentur, Foto Hermann Buresch
Egon Schiele, Agonie, 1912, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Egon Schiele, Agonie, 1912, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Egon Schiele, Liegende Frau mit grünen Strümpfen, 1917, Privatsammlung © Bridgeman Images
Egon Schiele, Liegende Frau mit grünen Strümpfen, 1917, Privatsammlung © Bridgeman Images

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