Oskar Kokoschka

AUSSTELLUNG 04.03.1958 – 11.05.1958

"Im Bemühen, das Werk der großen Gestalten der modernen Kunst aufzuzeigen" widmete das Haus der Kunst dem damals 72-jährigen österreichischen Maler Oskar Kokoschka (1886–1980) eine große Retrospektive. Im Rahmen dieser Ausstellung wurde erstmals nach dem Krieg der Versuch unternommen, das infolge der Verfemung in der NS-Zeit bis nach Amerika zerstreute Oeuvre zu großen Teilen zusammenzuführen. So sollte die Retrospektive über den Künstler, der seit 1950 Mitglied der Münchner Künstlervereinigung "Neue Gruppe" gewesen war, ein "Zeugnis von der ungebrochenen schöpferischen Kraft, die fünf Jahrzehnte malerischen Schaffens durchzieht" ablegen.
Die Grundlage für Oskar Kokoschkas Erfolg als einer der "großen Menschenmaler" des 20. Jahrhunderts liegt im Wiener Künstlermilieu, in dem sich der junge Maler 1908 mit skandalträchtigen Mädchenakten auf der Secessions-Ausstellung profiliert. In der Folge entstehen vor allem Bildnisse wie die des Architekten Adolf Loos (1909) und von Herwarth Walden (1910), für dessen Berliner Sturm-Galerie Kokoschka als Illustrator tätig war. Sie zeichnen sich durch eine neuartige psychologisierende Durchdringung des Modells und durch physiognomische Überzeichnung von fast karikaturesker Art aus. Auch im nervösen Auftrag der gedämpften Farbe, der teilweise mit den Händen erfolgt und eingekratzte Linien aufweist, zeigt sich das Anliegen des Malers, sein Gegenüber seelisch zu durchleuchten, sein inneres Gesicht bloßzulegen. Kokoschkas Bilder sind eine Absage an die Schönheit, sie gehen im wahrsten Sinne "unter die Haut" und sind zugleich Spiegel seiner eigenen Unrast wie auch der allgemeinen Unruhe der Zeit.
Den Höhepunkt der Expressivität erreicht Kokoschka um 1914 mit dem Meisterwerk "Die Windsbraut", das im selben Jahr auf der ersten Ausstellung der Neuen Münchner Sezession im Haus der Kunst erstmals gezeigt wird, jedoch für die Ausstellung im Jahr 1958 nicht entliehen werden konnte. Das Bild leitet eine Phase ein, in der der Maler, gezeichnet vom "Liebeskampf" mit Alma Mahler, zu barocker Vehemenz, wuchtigem Farbauftrag und dem impressionistischen Farbsplitter-Stil findet. Die Erfahrung von Verzweiflung, Einsamkeit und Krieg, das Lebensgefühl bewegter Zeiten äußert sich in bewegten Bildern ("Die wilde Jagd", 1918).
Seit 1919 Professor an der Kunstakademie in Dresden, wendet sich Kokoschka in zahlreichen Bildern der Landschaft im impressionistischen Mosaikstil zu ("Die Elbe bei Dresden", 1921). Sie begründen mit der Ausstellung auf der Biennale im Jahr 1922 den endgültigen künstlerischen Durchbruch. Reisen führen in den Folgejahren zu einer Reihe von Stadtansichten (Paris, Louvre, 1925), deren Darstellung des hektischen Großstadtlebens wiederum als Spiegel der eigenen inneren Unruhe gelten kann. 1934 lässt sich Oskar Kokoschka mit seiner Frau Olga 1934 in Prag nieder ("Prag, Karlsbrücke", 1934). Doch bereits 1938 zwingen ihn die politische Lage und die Beschlagnahmung von 417 Werken aus öffentlichen Sammlungen in Deutschland durch die Nationalsozialisten zur Emigration nach London bzw. Schottland. Dort unternimmt er das Wagnis, mit politisch-satirischen Werken Themen aufzugreifen, welche die Gegenwart bewegen ("What we are fighting for", 1943).
Das in Villeneuve entstandene Spätwerk – darunter viele Landschaften ("Salzburg", 1950) und Porträts ("Heuss", 1950) – rundeten die Ausstellung ab und würdigten einen vielseitigen Künstler, der in fünf Jahrzehnten neben großen Gemäldeserien auch Illustrationen, Bühnenbilder (Salzburger Festspiele), Dramen und Theaterstücke schuf.

Der broschierte Katalog zeigt auf dem Titel ein Porträtfoto in Schwarz/Weiß sowie Signatur und Monogramm Oskar Kokoschkas. Er umfasst ca. 170 Seiten. Der Textteil enthält ein Vorwort der Ausstellungsleitung, Auszüge aus Schriften Kokoschkas, einen Aufsatz von Fritz Schmalenbach über "Kokoschkas malerische Entwicklung" sowie Lebensdaten und Literatur-Hinweise. Das Verzeichnis der Werke führt 431 Objekte auf, davon 154 Gemälde, zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen sowie Druckgrafiken. Der Abbildungsteil enthält 4 Farbabbildungen und zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien.

Fotonachweis Oskar Kokoschka, Tourbillon de Sion: Fotoarchiv Marburg

Oskar Kokoschka, Der Wiener Baumeister Adolf Loos, 1909, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie © Bridgeman Images
Oskar Kokoschka, Der Wiener Baumeister Adolf Loos, 1909, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie © Bridgeman Images
Oskar Kokoschka, Die wilde Jagd, 1918, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie © bpk Bildarchiv
Oskar Kokoschka, Die wilde Jagd, 1918, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie © bpk Bildarchiv
Oskar Kokoschka, Tourbillon de Sion, 1947, Privatsammlung, Thalwil © Fotoarchiv Marburg
Oskar Kokoschka, Tourbillon de Sion, 1947, Privatsammlung, Thalwil © Fotoarchiv Marburg

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