Vincent van Gogh 1853–1890

AUSSTELLUNG Oktober 1956 — Dezember 1956

Als einem der populärsten Maler in Deutschland und als Wegbereiter der Moderne widmete das Haus der Kunst Vincent van Gogh 1956 eine Retrospektive mit einer Auswahl von 166 Werken. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum Kröller-Müller in Otterlo und würdigte van Gogh als Landschaftsmaler von suggestiver Farbgewalt, rühmte seine eindringliche Vergegenwärtigung der einfachen Dinge und seine ergreifenden Selbstdarstellungen als "Bekenntnisse reiner Menschlichkeit". Er, der sich selbst als Realist bezeichnete, verstand es, die Dinge als Erscheinungen übergegenständlicher, ja übermenschlicher Mächte und damit als Sinnbilder menschlichen Schicksals darzustellen. Hiermit wies van Gogh den Weg ins 20. Jahrhundert und begründete insbesondere die Wirkung auf den Expressionismus.
A. M. Hammacher, der Direktor des Rijksmuseums, skizziert den "malenden und schreibenden van Gogh" als einen ganz im gegenwärtigen Tun aufgehenden und eher intuitiven als reflexiven Menschen. Laut Hammacher bindet van Gogh mit seiner Hingabe an die kleinen Dinge des Alltags die Motive seiner Kunst an die eigene leidvolle Lebensgeschichte und die religiös motivierte Vorstellung, dass das eigene Dasein von relativer Bedeutung ist. Weit entfernt vom heutigen Verständnis von Abstraktion sieht der Hammacher in van Goghs Beziehung zur Welt und in der Zerrissenheit, mit der er seine Bilder einerseits einen "Angstschrei" nannte und zugleich in den Sonnenblumen die Heiterkeit und das Lächeln als höchste Werte pries, alle Keime der expressiven Malerei enthalten.
Katalog und Ausstellung folgen der nach Orten gegliederten, chronologischen Entwicklung von van Goghs Kunst. Der aus einem Pfarrhaus stammende Vincent entschloss sich erst 1880, nach Umwegen über die Theologie und Jahre, die er als Missionar in Brüssel (1878–81) verbrachte, Künstler zu werden und besuchte für wenige Monate die dortige Akademie. Das folgende Jahr (1881) lebte er in seinem Elternhaus in Etten und beschäftigte sich, nach Enttäuschungen in der Liebe, mit dem Zeichnen von Bauernfiguren. In Den Haag (1881–1883) ging er bei dem Maler Anthonij Mauve in die Lehre. Er schuf Aquarelle und Kreidezeichnungen von städtischen Motiven und fand in der Frau, mit der er vorübergehend zusammenlebte sowie in Armenhäuslern Modelle für Studien und erste Ölbilder. Nach 1883 widmete sich van Gogh in Drenthe wiederum dem harten Leben der Bauern, bevor er in sein Elternhaus nach Nuenen (1883–1885) zurückkehrte – zwei Jahre, die trotz der Schwierigkeiten im persönlichen Umfeld als die bedeutendste Zeit seiner holländischen Periode gelten und in denen er sich mit den "Kartoffelessern" (1885) endgültig als Bauernmaler profilierte. Nach einem kurzen Intermezzo in Antwerpen (1885–1886), wo er den japanischen Farbholzschnitt entdeckte, öffnete er sich in Paris (1886–1888) dem Impressionismus. Inspiriert von Seurat, Signac und Pissarro sowie im Zuge der Freundschaft mit Paul Gauguin und Émile Bernard wird seine Farbpalette im pastosen Farbauftrag heller, sein Strich leichter, wie das "Selbstbildnis" von 1887 zeigt.
Mit der Niederlassung im südfranzösischen Arles (1888–1889) begann die produktivste und charakteristischste Periode in Vincent van Goghs Schaffen. In seinem Atelier im "Gelben Haus" entstanden die "Brücke in Arles/Pont de Langlois" (1888), viele Landschaften und die Porträts des "Briefträgers Roulin" (1889). Im Herbst 1888 kam es zum schicksalhaften Zusammentreffen mit Paul Gauguin, den van Gogh in der Hoffnung eingeladen hatte, mit ihm seinen Traum von einer Künstlergemeinschaft verwirklichen zu können. In der Vorfreude auf Gauguins Ankunft schuf er zur Ausstattung des Gastzimmers zahlreiche Versionen der Sonnenblumen ("Vase mit Sonnenblumen", 1888). Die Zusammenarbeit der beiden unterschiedlichen Charaktere endete nach zwei Monaten mit einem Streit, in dessen Verlauf sich van Gogh ein Ohr abschnitt. (Dieser Zwischenfall findet im Katalog zur Ausstellung jedoch keine Erwähnung.) Van Goghs zunehmende psychische Erkrankung machte den folgenden Aufenthalt in der Nervenheilanstalt in Saint-Rémy (1889–1890) notwendig. Dort schuf der Maler flirrend bewegte Landschaften mit Sonne, Mond und Sternen, in denen die Pinselstriche rhythmisch in Kreisen, Wellen und Spiralen angeordnet sind; allein das dunkel aufragende Motiv der Zypresse sorgt für einen melancholischen Akzent ("Zypressen mit zwei Frauenfiguren", 1889). Schließlich fand er bei Dr. Gachet in Auvers-sur-Oise (1890) Zuflucht und malte in einem Schaffensrausch letzte erregte Bilder, in denen er seiner Traurigkeit und Einsamkeit Ausdruck verlieh. Vincent van Gogh starb 1890 mit 37 Jahren an den Folgen einer Schussverletzung, die er sich selbst beigebracht hatte – zu einem Zeitpunkt, als er, der lange Jahre nie ein Bild verkaufen konnte, allmählich die Wertschätzung des Publikums fand.

In Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum Kröller-Müller, Otterlo.

Der Katalog mit "Vase mit Sonnenblumen" als Titelmotiv umfasst 350 Seiten. Nach dem Vorwort der Ausstellungsleitung und der Einleitung von A. M. Hammacher: "Der malende und schreibende van Gogh" folgen eine nach Orten gegliederte chronologische Übersicht, ein "Schema der Begegnungen mit Werken der Kunst und Literatur und der menschlichen und künstlerischen Beziehungen", eine Ausstellungsliste, Bibliografie und einzelne Dokumente. Daran schließt sich das Verzeichnis der 166 ausgestellten Werke an, jeweils mit s/w-Abbildung und 4 Farbabbildungen, mit Titel, Datum, Technik, Maßen, Signatur, Literatur sowie vielfach mit erläuterndem Text.

Fotonachweis Vincent van Gogh, Briefträger Roulin: Fotoarchiv Marburg

Vincent van Gogh, Brücke in Arles
Vincent van Gogh, Brücke in Arles "Pont de Langlois", 1888, © De Agostini Picture Library / Bridgeman Images
Vincent van Gogh, Vase mit Sonnenblumen, 1888, Detail, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Vincent van Gogh, Vase mit Sonnenblumen, 1888, Detail, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Vincent van Gogh, Briefträger Roulin, 1889, Detail, Rijksmuseum Kröller-Müller, Otterlo © Fotoarchiv Marburg
Vincent van Gogh, Briefträger Roulin, 1889, Detail, Rijksmuseum Kröller-Müller, Otterlo © Fotoarchiv Marburg
Vincent van Gogh 1853–1890, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1956, Archiv Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V. (vormals Ausstellungsleitung e.V.)
Vincent van Gogh 1853–1890, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1956, Archiv Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V. (vormals Ausstellungsleitung e.V.)

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