Wolfgang Laib — Retrospektive

AUSSTELLUNG 01.11.02 – 19.01.03

Die Werke des Künstlers Wolfgang Laib (geboren 1950) treten dem Betrachter in großzügiger Bescheidenheit, füllender Leere und präsenter Immaterialität gegenüber – scheinbare Paradoxa, die den Einfluss fernöstlicher Philosophie erkennen lassen. Natürliche Materialien wie Milch, Blütenstaub, Reis, Wachs und Marmor sind die bevorzugten Werkstoffe des Künstlers; Kegel, Rechteck und Chiffren für Häuser, Schiffe und Treppen kennzeichnen sein Werk. Nicht in der Vielfalt, sondern in der Einfachheit und Wiederholung liegt die meditative Kraft der Arbeiten Wolfgang Laibs. Nach einem längeren Aufenthalt in Indien und Reisen in asiatische Länder, von denen zahlreiche Fotos und Zeichnungen in der Ausstellung künden, schuf Laib 1972 sein erstes Werk: "Brahmanda" – einen zum überdimensionalen Ei gehauenen Stein, in der hinduistischen Kultur das Zeichen für Fruchtbarkeit. 1975 gestaltete Wolfgang Laib seinen ersten "Milchstein", eine Marmorplatte mit flacher Vertiefung, die mit Milch gefüllt wird – ein Balanceakt zwischen Bewegung und Stillstand. 
Zwei Jahre später begann die Serie von Werken aus Blütenstaub, den Laib im Sommer sammelte und, fein gesiebt, als rechteckiges Feld in leuchtendem Gelb auf dem Boden ausbreitete. Die mit Sonnenenergie aufgeladene fruchtbare Substanz findet sich zu kleinen Hügeln geformt ("Die fünf unbesteigbaren Berge") oder erscheint als strahlende, duftende und scheinbar malerisch schwebende Form. Das Wissen um ihr empfindliches Dasein und der vergängliche Charakter der Installationen schaffen eine besondere Konzentration im Raum. 
1983 begann Laib mit Reis als bescheidenem und doch kostbarem Nahrungsmittel zu arbeiten; es entstanden die "Reismahlzeiten für die neun Planeten" (1984). Wenig später schuf er die ersten Reishäuser als einfache, mit Aluminium überzogene Holzkonstruktionen, aus denen 1986 die mit Reis gefüllten Häuser aus weißem Marmor, bzw. Wachs hervorgingen, die an mittelalterliche Reliquienschreine erinnern. 
Bienenwachs verwendete Laib erstmals 1987 und formte es unter dem Eindruck alter Kulturen zu Skulpturen nach Art der ägyptischen Pyramide und des mesopotamischen Zikkurat (gestufter Tempelturm). Seine Räume aus duftendem Bienenwachs ("Somewhere Else – la chambre des certitudes") verändern die Wahrnehmung des Betrachters: Eng und grenzenlos zugleich führen sie ihn über die sichtbare Welt hinaus in spirituelle Weiten. 1995 zeigte Laib erstmals seine Schiffe, die wie die Häuser an Behältnisse gemahnen, welche als Grabbeigaben die Seelen der Verstorbenen auf ihre Reise ins immaterielle Jenseits begleiten sollten. 
In allen Arbeiten Wolfgang Laibs geht es um die Balance von Bewegung und Stille, von Materiellem und Immateriellem, von Beständigem und Flüchtigem, und um den Versuch, das Irrationale oder Unbekannte zu erforschen. Wolfgang Laibs Materialien, seine künstlerischen Methoden und die klaren Formen sind von großer Einfachheit, Reinheit und konzentrierter Ruhe. Sie machen die Intensität von Leere erfahrbar und weisen uns den Weg zu jener im Buddhismus wurzelnden Achtsamkeit, die unsere Sinne für die Wahrnehmung von Formen, Farben, Gerüchen und Berührungen sensibilisiert. 

Ausstellung organisiert von der American Federation of Arts

Wolfgang Laib beim Aussieben von Blütenstaub, 1992, Centre Georges Pompidou, Paris © Wolfgang Laib
Wolfgang Laib beim Aussieben von Blütenstaub, 1992, Centre Georges Pompidou, Paris © Wolfgang Laib
Wolfgang Laib, Somewhere Else – La Chambre des certitudes, 1997 © Wolfgang Laib
Wolfgang Laib, Somewhere Else – La Chambre des certitudes, 1997 © Wolfgang Laib
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib, ohne Titel, 1992, Privatsammlung, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib, ohne Titel, 1992, Privatsammlung, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi
Wolfgang Laib – Retrospektive, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2002, Foto Wilfried Petzi

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