Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit

AUSSTELLUNG 27.06 – 14.09.03

Die Wurzeln des Grotesken liegen in den Mythen der Vorzeit, in Komödie und Tanz der griechischen und römischen Antike sowie in der volkstümlichen Tradition des Karnevals. Das Groteske bezeichnet stets eine Gegenwelt zur Welt des Wahren und Schönen und steht für das Befremdliche jenseits von Ordnung und Grenzen bzw. für das, was Meyers Konversationslexikon von 1895 definiert als das "Ergebnis eines Humors, der scheinbar gesetzlos das Heterogenste verbindet, weil er, unbekümmert um das Einzelne, mit seiner Besonderheit nur spielend, überall sich das herausnimmt, was seiner Lebenslust und seinem Lebensübermut dienen mag." Als literarischer und dramatischer Stil längst anerkannt, fragt die Ausstellung erstmals nach der Bedeutung des Grotesken für die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts. 
Ausgangspunkt der Ausstellung bilden die um 1880 entstandenen Bilder Arnold Böcklins. Sie verbinden den antiken Mythos mit dem zeitgenössischen Alltag und das Große mit dem Peinlichen und spiegeln die Sehnsüchte und Niederungen menschlichen Lebens wider. Als Mittler zwischen den Gegensätzen dient Böcklin sein subversiver Humor. Lovis Corinth, Franz von Stuck, Max Klinger, Emil Nolde, Alfred Kubin und Paul Klee ließen sich von seinen Tiermenschen inspirieren, indem sie sich der Verzerrung und Vermischung bedienten, um mit ihr eine "verkehrte Welt", einen Gegenpol zur vertrauten Ordnung der Dinge, zu schaffen. 
Das Interesse der Künstler am Grotesken ging am Ende des 19. Jahrhunderts Hand in Hand mit der Gründung einer Reihe von Witzblättern wie "Ulk", "Lustige Blätter" oder "Simplicissimus", an denen zum Beispiel Lyonel Feininger, George Grosz und John Heartfield mitarbeiteten. In München trieb das Grotesk-Komische um 1900 mit Künstlern wie Paul Klee, Alfred Kubin und Thomas Theodor Heine erste Blüten. Karl Valentin und das Kabarett "Die Elf Scharfrichter" wurden mit ihren grotesk-komischen Szenen und Dialogen zu zentralen Institutionen des Münchner Humors. In seiner Nachfolge stehen heute die Filme von Herbert Achternbusch, die fantastische Zwischenwelten voll Witz und Sarkasmus eröffnen. 
Viele der im Kabarett entwickelten Stilmittel kamen bei den Dadaisten zum Einsatz. Die 1916 in Zürich mit der Gründung des "Cabaret Voltaire" eingeleitete Verbindung von Kabarett und bildender Kunst erreichte 1920 mit der "Ersten Internationalen Dada-Messe" in Berlin und Aktionen ihren Höhepunkt, welche die Schranken zwischen den Kunstformen sprengten. 
Dem Aufstand des Dada gegen die traditionelle Kunst und die bürgerliche Kultur folgten nach dem Zweiten Weltkrieg und verstärkt seit den 1960er-Jahren Kunstrichtungen, die den Kapitalismus ins Visier nahmen – so verpackten die Fluxus-Künstler ihre Kritik an der Marktwirtschaft in humorvolle Performances. Parallel dazu formierte sich in Österreich die "Wiener Gruppe" um Friedrich Achleitner, Oswald Wiener und Gerhard Rühm, die mit provokant-makabren Texten gegen das Establishment aufbegehrte, während die "Wiener Aktionisten" mit ihren Tabu brechenden Aktionen für Aufruhr sorgten. 
Mitte der 1970er-Jahre verabschiedete sich der Punk mit dem Schlagwort "No Future" von der Gesellschaft. In Deutschland verwahrten sich Künstler wie Martin Kippenberger mit ironischen Attacken gegen falsches Pathos und lähmende Korrektheit. Hier ging es nicht darum, das gesellschaftliche Ordnungssystem durch ein Gegenmodell zu verändern wie bei Dada oder dem "Wiener Aktionismus", sondern es mit ätzendem Spott zu brandmarken. 
Während sich das Groteske im Laufe des 20. Jahrhunderts als Gegenkultur etablierte, ist es heute vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum gerückt. Das Groteske findet sich in der Kunst nicht mehr als gesellschaftskritische Gegenströmung, sondern ist an einzelne Personen gebunden. Franz West, John Bock und Jonathan Meese ist das Potenzial gemeinsam, die "verkehrte Welt" als Spiegel der Realität zu ergründen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
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Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi
Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit, Installationsansicht, Haus der Kunst, 2003, Foto Wilfried Petzi

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Bildergalerie


Ausstellungskatalog

Grotesk!

Mit Essays von Hanne Bergius, Ralf Burmeister, Frances Connelly, Lisbeth Exner, Harald Falckenberg, Michael Farin, Peter Jelavich, Pamela Kort und Gregor Wedekind. MEHR


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Die Ausstellung mit 276 Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen und Grafiken richtete das Augenmerk auf jene Maler, die zwischen 1919 und 1933 als Meister am Bauhaus lehrten. MEHR


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Lyonel Feininger

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