TALK. Show — Die Kunst der Kommunikation in den 1990er Jahren

AUSSTELLUNG 08.10.99 – 09.01.00

Der Titel "TALK.Show" bezieht sich auf das Format der Unterhaltungssendung in Form eines Gesprächs, wie wir es aus dem Fernsehen kennen. Die wörtliche Übersetzung erschließt die Dimension, die für die Ausstellung von zentraler Bedeutung ist: "Sprechen.Zeigen". 24 zeitgenössische Künstler beschäftigen sich mit dem Thema Kommunikation, mit Gelingen und Scheitern der Verständigung zwischen Menschen. Gezeigt wird ein Spektrum von Arbeiten der 1990er-Jahre aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Medienkunst und Rauminstallation. Einen Schwerpunkt bilden Kunstwerke, die die akustische Dimension der Sprache einsetzen; ein Drittel der Arbeiten ist eigens für die Ausstellung entstanden.
Die Verbildlichung von Sprache spielte in der Kunst des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle. Als Metaphern für den lärmenden Großstadtalltag und als lautstarker Protest gegen die politischen Verhältnisse fanden Wörter und Texte Eingang in die Collagen und Montagen der Kubisten (Georges Braque, Pablo Picasso), Dadaisten (Marcel Duchamp, Kurt Schwitters) und Surrealisten (René Magritte, Max Ernst). Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich vor allem Pop Art (Roy Lichtenstein, Andy Warhol) und Konzeptkunst (Joseph Beuys, Bruce Nauman) mit dem Vorgang des Sprechens in einer von der Massenkommunikation beeinflussten Gesellschaft auseinander.
Hielten frühere Kunstrichtungen die logische Kommunikation meist für selbstverständlich, so dominiert heute eine skeptische Grundhaltung gegenüber sprachlichen Äußerungen und Kommunikationsformen. Sprache interessiert nicht als geschlossenes ikonografisches System. Im Spiegel unterschiedlichster Medien überprüft die Ausstellung die Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten neu.

Was wäre, wenn die Bilder in den Museen plötzlich anfingen, mit den Besuchern zu reden? Die Gemälde von Rémy Zaugg sind keine stummen Zeugen, sondern fordern den unmittelbaren Kontakt. Sprachliche Formulierung und Farbwirkung gehen zum Teil widersprüchliche Verbindungen ein. Das gesprochene Wort ist unberechenbar.

Auch die auf die Wand verbrachte "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" in Verbindung mit der Installation "Round Table" von Thomas Locher bricht mit den Konventionen des Tafelbilds und fordert vom Betrachter einen individuellen Standpunkt.

Speziell für "TALK.Show" hat Adib Fricke ein Ausstellungsleitsystem geschaffen, das aus Raumbezeichnungen und den Beschriftungen der ausgestellten Einzelwerke besteht. Fricke imitiert Praktiken der Werbebranche und problematisiert das Kommunikationsdesign einer Ausstellung. Was ist das Werk ohne Label?

Die dramatische Welt der Filmtelefonate ist der Ausgangspunkt für die Videoarbeit von Christian Marclay. Ihm geht es weniger um Filminhalte als um die Bedingungen eines Mediums, seine Mechanismen, Rituale und Fetischisierungen.

Mit der Allmacht der Fernsehpriester beschäftigt sich Christian Jankowski. In seiner inszenierten TV-Kommunikation mit italienischen Wahrsagern, betitelt "Telemistica", verschränken sich Hellsicht und Unverständnis. Hinterfragt wird die Wahrhaftigkeit der Medienwelt.

Mit den Orten öffentlicher Kommunikation befasst sich auch Heimo Zobernig. Aus dem Zusammenhang genommen und in mehrfacher Brechung, seziert der Künstler den diktatorischen Anspruch unterschiedlicher medialer Ankündigungsstrategien und ihr Versagen.

Mit Grenzbereichen des Kommunikationsprozesses beschäftigt sich auf ganz andere Weise Yana Milev. Das Auf- und Abblenden ihrer rätselhaften Botschaften veranschaulicht die Ambivalenz von eindeutiger und zugleich offener Mitteilung.

Die Videoskulptur von Tony Oursler definiert eine Art Haut, an der sich Kommunikation bricht und verfügbar macht. Die Individualität der beiden bizarren Wesen von "We Have No Free Will" verschwindet hinter einer Sprache, die nicht ihre ist.

Das Künstlerduo Clegg & Guttmann untersucht Kommunikation mit den Methoden der visuellen Soziologie. Ihre Installation "Vérité" ist wie ein Archiv zu benutzen und fungiert als Porträt der Mediengesellschaft.

Mit Symbolwerten der Unterhaltungsindustrie beschäftigt sich Pietro Sanguineti. Für die Ausstellung in der Film- und Fernsehstadt München hat er eine Bühnenskulptur entworfen, die selbst eine Kommunikationsstruktur darstellt: Farben, Formen, Materialien und Mobiliar stehen für Stimmungslagen und Gefühlsebenen. Das Versprechen von Authentizität und sinnlicher Präsenz bleibt funkelnder Schein. Auf dieser Bühne finden während der Ausstellung zahlreiche Begleitveranstaltungen statt. Christine Hill stellt hier ihr Projekt "Tourguide?" vor, bei dem sie als Fremdenführerin durch die vielsprachige Metropole New York führt. Auch die Diskussionsveranstaltungen von Hinrich Sachs verstehen sich als soziale Skulpturen. Sie unterscheiden sich von normalen Talkshows durch einen reflektierten Umgang mit der öffentlichen Selbstinszenierung und der Formalisierung des Sprechens.

Das künstlerische Ausgangsmaterial der Videoarbeiten von Daniel Pflumm bilden Nachrichtensendungen von "CNN – Questions and Answers". Die starren Dogmen sind aufgelöst und werden mit einem neuen Rhythmus reanimiert.

Eine exklusive Expertenrunde hat das Künstlerduo M + M zusammengestellt. "12 Marias" aus der Kulturgeschichte; darunter Maria Magdalena, Marie Curie und Maria Callas, antworten auf die Frage: "Wie entgehen wir der Sintflut?" Die historisch verbürgten Antworten sind über das öffentliche Telefonnetz abrufbar.

Mike Kelleys grotesker "Dialogue" zwischen zwei Kuscheltieren lässt Erinnerungen an Kindheitstage aufleben; er vereint das Erbarmungswürdige und das Erbärmliche unserer Kommunikation.

In den "Joke Paintings" von Richard Prince spiegelt sich das fragwürdige Bild von Normalität, wie es Witze als Grundelemente unserer Alltagsverständigung transportieren.

30 Jahre Fernseherfahrung bilden den Rahmen für die schrillen und farbenprächtigen Selbstinszenierungen von Pipilotti Rist. Vergeblich schreit und fleht die Protagonistin ihres in den Boden versenkten Videos "Selbstlos im Lavabad" um Hilfe und versucht, das Gefängnis der Emotionen und Fantasien zu verlassen.

Im Rahmen von Ausstellungsereignissen Kommunikation auszulösen, ist das Anliegen von Rirkrit Tiravanija. Er hat in der Ausstellung Telefone installiert, die unbekannte Besucher miteinander ins Gespräch bringen können. Der Austausch selbst bleibt jedoch von der Bereitschaft des Einzelnen abhängig.

Um die gemeinsamen Strukturen von Text und Textilien geht es Eran Schaerf. In seiner Arbeit untersucht er die kommunikativen Signale der Kleidung, der so genannten "Dresscodes" als entscheidende Parameter der Mitteilung.

Die Installation "To Touch" von Janet Cardiff besteht aus einem Holztisch mit unsichtbaren Sensoren. Beim Berühren der Oberfläche raunen Stimmen den Besuchern Geheimnisse zu. 

Mit der Mehrfachlesbarkeit des sprachlichen Ausdrucks beschäftigt sich Hirsch Perlman und stellt die Übereinstimmung von Gezeigtem und Bezeichnetem in Frage.

Sam Taylor-Wood schließlich setzt sich in "Atlantic" mit dem Gelingen und Scheitern unmittelbarer Verständigung auseinander. Das gesprochene Wort und die nonverbale Kommunikation erweisen sich als gleichberechtigt, auch wenn die Präsenz der beiden Gesprächspartner neue Schwierigkeiten bringt. 

M + M, 12 Marias, 1999 © M + M
M + M, 12 Marias, 1999 © M + M
Sam Taylor-Wood, Atlantic, 1997, Sammlung Goetz, München, Foto Wolfgang Neeb
Sam Taylor-Wood, Atlantic, 1997, Sammlung Goetz, München, Foto Wolfgang Neeb
Pietro Sanguineti, Schmidt, 1997 © Pietro Sanguineti
Pietro Sanguineti, Schmidt, 1997 © Pietro Sanguineti
Mike Kelley, Dialogue #1, 1991 © Mike Kelley
Mike Kelley, Dialogue #1, 1991 © Mike Kelley
Christine Hill, Volksboutique, 1997 © VG Bild-Kunst, Bonn, 1991
Christine Hill, Volksboutique, 1997 © VG Bild-Kunst, Bonn, 1991
Daniel Pflumm, CNN Questions & Answers, 1997 © Galerie Neu
Daniel Pflumm, CNN Questions & Answers, 1997 © Galerie Neu
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi
TALK.Show – Die Kunst der Kommunikation in den 1990er-Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1999, Foto Wilfried Petzi

Stretch your view


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AUSSTELLUNG

Cardiff & Miller — Werke aus der Sammlung Goetz

13.04 – 08.07.12

Die Ausstellung zeigt acht Arbeiten des kanadischen Künstler-Duos Janet Cardiff und George Bures Miller, die durch die Kombination von Bild, Ton und nachgebildeten Räumen möglichst viele Sinne des Betrachters ansprechen, um das Geschehen so real wie möglich erscheinen zu lassen. 2012 nahmen Cardiff/Miller an der dOCUMENTA (13) in Kassel teil. MEHR


AUSSTELLUNG

Aschemünder

09.04 – 04.09.11

Seit Frühjahr 2011 zeigt das Haus der Kunst in den Räumen seines ehemaligen Luftschutzkellers Film- und Medienkunst aus der umfangreichen Sammlung von Ingvild Goetz. Die erste Gruppenausstellung trägt den Titel "Aschemünder" und zeigt Werke von David Claerbout, Willie Doherty, Harun Farocki, Omer Fast, Mona Hatoum, Anri Sala u.a. MEHR


AUSSTELLUNG

Shift I: Der Traum vom Ich

30.04 – 24.05.99

"Shift" stellt Positionen junger zeitgenössischer Kunst vor, bei denen sich ein besonderer Umgang mit vorgefundenen Situationen zeigt. Eine Installation von Sabrina Hohmann MEHR


AUSSTELLUNG

Shift II: Links of a Broken Chain

29.05 – 20.06.99

"Shift" stellt Positionen junger zeitgenössischer Kunst vor, bei denen sich ein besonderer Umgang mit vorgefundenen Situationen zeigt. Eine Installation von Christoph Brech MEHR


Video

Video zur Ausstellung "So Much I Want to Say"

Einführung in die Ausstellung "So Much I Want to Say: Von Annemiek bis Mutter Courage — Sammlung Goetz im Haus der Kunst" von Kuratorin Patrizia Dander. MEHR


AUSSTELLUNG

Die Münchner Schule 1850–1914

28.07 – 07.10.79

Die von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen organisierte Ausstellung widmete sich einer umfassenden Darstellung der Münchner Malerei zwischen 1850 und 1914. MEHR


AUSSTELLUNG

So Much I Want to Say — Sammlung Goetz im Haus der Kunst

19.04.13 – 12.01.14

"So Much I Want to Say" ist die fünfte Präsentation, die im Rahmen der Kooperation zwischen Sammlung Goetz und Haus der Kunst konzipiert wurde. MEHR


Again and Again

15.09.17 – 08.04.18

Again and Again zeigt Videoarbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Mark Leckey, Bjørn Melhus, Tracey Emin und Brice Dellsperger, die vom gespaltenen oder reproduzierten Subjekt fasziniert sind. Alle Arbeiten erforschen dabei die Idee des Selbst zur Jahrtausendwende. MEHR


Presseecho

Geschichten im Konflikt

Zur Ausstellung sind in Rundfunk, Presse und Onlinemedien zahlreiche Berichte erschienen. MEHR


Video

Video zum Ausstellungsprogramm Jun—Okt 2013

Im Programmvideo gibt Direktor Okwui Enwezor Einblick in die aktuellen Ausstellungen im Haus der Kunst. MEHR


Sammlung Goetz im Haus der Kunst

Seit Frühjahr 2011 präsentiert das Haus der Kunst Filme und Videos aus der Sammlung Goetz in wechselnden Themenausstellungen. MEHR


AUSSTELLUNG

Klang und Stille – Sammlung Goetz im Haus der Kunst

13.04 – 09.09.12

Die akustische Wahrnehmung von bewegten Bildern im Raum ist eine der großen Möglichkeiten der Videokunst, die dadurch unserer Alltagswahrnehmung besonders nahe kommt. Andererseits können Bilder und Töne auch anders interpretiert und neu gelesen werden, speziell durch den starken Einfluss von Klängen auf unseren Gemütszustand. MEHR


AUSSTELLUNG

Open End – Sammlung Goetz im Haus der Kunst

28.09.12 – 07.04.13

"Open End" ist die vierte Präsentation von Werken aus der Sammlung Goetz, die in den 14 unterirdischen Räumen des ehemaligen Luftschutzkellers im Haus der Kunst gezeigt wird. MEHR


AUSSTELLUNG

Bilder in der Zeit — Sammlung Goetz im Haus der Kunst

25.01 – 15.06.14

Die Ausstellung widmet sich der Beziehung zwischen Bild und Bewegtbild – die Langsamkeit der gezeigten Bilder lenkt die Aufmerksamkeit auf Motiv, Komposition und Zeit. MEHR


AUSSTELLUNG

Broken. Slapstick, Comedy und schwarzer Humor

27.06.14 – 26.04.15

Schadenfreude ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Aber wie weit darf Humor gehen, wenn dabei politische, moralische oder religiöse Gefühle verletzt werden? MEHR


AUSSTELLUNG

Der Blaue Reiter München und die Kunst des 20. Jahrhunderts

Wenige Jahre nach Kriegsende rückte das Haus der Kunst mit der Ausstellung "Der Blaue Reiter" jene Kunst in den Mittelpunkt, die einst einen wesentlichen Anteil an der europäischen Avantgarde hatte und später als "entartet" diffamiert wurde. MEHR


AUSSTELLUNG

Entartete Kunst — Bildersturm vor 25 Jahren

Die Ausstellung erinnerte an die von Adolf Hitler angeordnete Femeausstellung "Entartete Kunst", die 1937 parallel zur pompösen Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" stattfand. MEHR


Video

Interview: Ingvild Goetz und Ulrich Wilmes

Sammlerin Ingvild Goetz und Kurator Ulrich Wilmes sprechen im Interview über die Ausstellung "Zufallsmuster – Malerei aus der Sammlung Goetz". MEHR


AUSSTELLUNG

Stories

28.03 – 23.06.02

Der Mensch lernt durch Geschichten, definiert sich über Geschichten und denkt in Geschichten. So war das Erzählen in Bildern über Jahrhunderte hinweg eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst. MEHR


AUSSTELLUNG

Why I Never Became a Dancer

30.09.11 – 01.04.12

"Why I Never Became a Dancer" ist die zweite Ausstellung der Kooperation zwischen Sammlung Goetz und Haus der Kunst und präsentiert 15 Videoarbeiten internationaler Künstler, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema Jugendkultur auseinandersetzen. Mit Doug Aitken, Rineke Dijkstra, Tracey Emin, Rosemarie Trockel u.a. MEHR