Die dreißiger Jahre. Schauplatz Deutschland

AUSSTELLUNG 11.02 – 17.04.77

Golo Mann würdigte die Ausstellung zur deutschen Malerei, Skulptur und angewandten Kunst in den "Dreißiger Jahren" als ein kühnes Unterfangen – war doch die Epoche bis dahin mit einem Tabu belegt gewesen. Neu war auch, dass sich die Ausstellung über das Jahr der Machtergreifung Hitlers 1933 hinausbewegte, um eine Kontinuität der Kunstentfaltung – "unter dem Zwang der Verhältnisse" – durch das gesamte Jahrzehnt nachzuweisen.
Die thematische Einführung des Katalogs skizziert den "Schauplatz Deutschland" vor dem Hintergrund der massiven Wirtschaftskrise und dem politischen Umsturz, der einherging mit der Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" 1937 und der gleichzeitigen Diffamierung der Moderne als "entartete Kunst". Die Erscheinungsformen der Kunst vollzogen sich im Spannungsfeld unterschiedlicher Stilrichtungen wie Expressionismus, Verismus, Surrealismus und Realismus bzw. dem vom Bauhaus propagierten Funktionalismus in der Gestaltung von Industrieprodukten. Die Ausstellung verstand sich als sachliche Bestandsaufnahme des Jahrzehnts mit dem Ziel, "die landläufige Meinung zu korrigieren und zugleich die Frage nach den Kriterien zu stellen, die den unterschiedlichen Strömungen dieser Zeit gemeinsam sind."
Mit dem "Nachexpressionismus" und dem Fortleben der expressiven Strömungen in den Dreißiger Jahren beschäftigt sich Paul Vogt, Direktor des Folkwang Museums, Essen, und eines von vier an der Ausstellung beteiligten Museen. Er skizziert das vielfältige Bild einer im weitesten Sinne gegenstandsbezogenen, aber abstrahierenden Malerei, die viele Künstler zur inneren oder äußeren Emigration zwingt. Die Bewegung ist getragen von den deutschen Spätexpressionisten Emil Nolde, Christian Rohlfs, Oskar Kokoschka u.a., den Mitgliedern der ehemaligen Künstlergruppen "Die Brücke" und "Der Blaue Reiter", den Vertretern des Verismus (Otto Dix, George Grosz) sowie Einzelgängern wie Max Beckmann und Karl Hofer. Die Strömung umfasst Künstler wie Ernst Wilhelm Nay, Hans Hartung und Julius Bissier ebenso wie Werner Gilles und Hans Purrmann. Sie alle beweisen, dass Eingriffe der nationalsozialistischen Kulturpolitik "nicht fähig waren, den historischen Ablauf zu unterbrechen".
Günter Aust, Direktor des Von-der-Heydt-Museums, Wuppertal, geht in seinem Essay dem Verhältnis von "Traditionalismus und Trivialität" in der Kunst nach. In der Fortführung von Neuer Sachlichkeit und Bauhaus-Stil der 1920er-Jahre bildet sich in den Dreißiger Jahren eine Malerei heraus, die sich der konkreten Erscheinung verpflichtet fühlt (Christian Schad, Georg Scholz, Anton Räderscheidt). Vielfach weist sie die romantischen Züge der altdeutschen Malerei auf, die in den Werken von Josef Scharl, Conrad Felixmüller und Otto Dix durchaus kritische Aussagen enthält. Die neoromantischen Bilder von Georg Schrimpf und Franz Lenk entziehen sich der Wirklichkeit des Lebens und leiten über zur Trivialkunst. Sie erlangt unter Hitler offizielle Geltung, da sie sich zum Vermitteln der nationalsozialistische Ideologie eignet. Die idealistischen Bauernbilder von Oskar Martin-Amorbach, Sepp Hilz und Paul Mathias Padua, die Frontkämpfer von Fritz Erler sowie die Aktdarstellungen von Adolf Ziegler huldigen mit ihrem Naturalismus einer "Vergegenwärtigung konventioneller Gefühle", wie sie auch die Ausstellungen im Haus der Deutschen Kunst prägen.
Dieter Honisch, Direktor der Nationalgalerie, Berlin, widmet sich in seinem Katalogbeitrag der "Kunst nach Dada und Bauhaus", einer Richtung, die im Dritten Reich unterdrückt wird. "Trotzdem geht die Entwicklung weiter": Theo van Doesburg begründet die "konkrete Kunst" und auch nach der Schließung des Bauhauses werden seine Gestaltungsprinzipien in Architektur, Umweltgestaltung und Lehre verbreitet (Laszlo Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Fritz Winter).
Erika Gysling-Billeter, die vierte Kuratorin und Vizedirektorin des Kunsthauses, Zürich, skizziert die Lage der angewandten Kunst unter dem Motto: "Sachlichkeit trotz Diktatur." Weitere Katalogaufsätze befassen sich mit der "Plastik" (Günter Aust), den "Fabrikausstellungen" (Otto Andreas Schreiber), sowie mit dem "Planen und Bauen" (Peter Pfankuch) der Dreißiger Jahre.

Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang Essen und dem Kunsthaus Zürich.

Der Katalog im DIN A5-Format umfasst 253 Seiten. Das Cover mit dem Titel "Dreißiger Jahre" ist typografisch in den Farben Weiß, Schwarz und Rot gestaltet. Der Textteil enthält neben dem Vorwort von Golo Mann die Aufsätze der Kuratoren, den Katalog der Werke mit 310 Nummern, untergliedert nach Stilrichtung, bzw. Gattung, sowie das Verzeichnis der ausgestellten Künstler. Er ist mit 19 Farb- und zahlreichen s/w-Abbildungen illustriert. Die Münchner Ausgabe enthält eine 8-seitige Beilage zum Thema "Dokumentarischer Rückblick zur Münchener Szene".

Otto Dix, Flandern, 1934-36, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie © bpk Bildagentur, Foto Jörg P. Anders
Otto Dix, Flandern, 1934-36, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie © bpk Bildagentur, Foto Jörg P. Anders
Max Pechstein, Aufgehende Sonne, 1933, Saarland Museum, Saarbrücken © bpk Bildagentur, Foto Hermann Buresch
Max Pechstein, Aufgehende Sonne, 1933, Saarland Museum, Saarbrücken © bpk Bildagentur, Foto Hermann Buresch
Adolf Wissel, Kahlenberger Bauernfamilie, 1939, Detail, Eigentum der Bundesrepublik Deutschland © Bridgeman Images
Adolf Wissel, Kahlenberger Bauernfamilie, 1939, Detail, Eigentum der Bundesrepublik Deutschland © Bridgeman Images

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Wilhelm Lehmbruck

Die Ausstellung rückte 46 Skulpturen des Künstlers in den Mittelpunkt, lenkte den Blick aber auch auf eine Vielzahl von Gemälden, Zeichnungen und Grafiken und brachte damit eine weitgehend unbekannte Seite des Künstlers zum Vorschein. MEHR


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13.11.76 – 30.01.77

1977 ehrte das Haus der Kunst den Gründer des "Blauen Reiter" und Wegbereiter der Abstraktion als einen "prophetischen" Künstler, dessen "Bedeutung als Maler und Denker bis heute noch nicht gebührend gewürdigt worden ist". MEHR


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Mit einer umfangreichen Retrospektive ehrten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie in Oslo den großen norwegischen Maler Edvard Munch (1863–1944). MEHR


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06.05 – 28.05.95

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Publikation

Haus der Kunst, München. Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus

01.11.15

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Kunst im "Dritten Reich": Hitlers Pinselführer

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Der ehemalige Luftschutzkeller im Haus der Kunst — ein Text der Historikerin Sabine Brantl. MEHR


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Europäischer Expressionismus

07.03 – 10.05.70

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14.11.81 – 31.01.82

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Expressionisten. Sammlung Buchheim.

29.07 – 18.10.98

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Werke großer Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein. MEHR


Booklet

Geschichten im Konflikt

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Der bebilderte Online-Parcours führt in sechs Stationen durch die Ausstellung "Geschichten im Konflikt", die sich kritisch mit dem historischen Erbe des Haus der Kunst auseinandersetzt. MEHR


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Die Ausstellung vollzog die künstlerische Entwicklung Pablo Picassos anhand von insgesamt 256 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen und Keramiken nach. MEHR


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Vincent van Gogh 1853–1890

Als einem der populärsten Maler in Deutschland und als Wegbereiter der Moderne widmete das Haus der Kunst Vincent van Gogh 1956 eine Retrospektive mit einer Auswahl von 166 Werken. MEHR


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Emil Nolde — Gedächtnisausstellung

Mit rund 550 Werken gedachte die Ausstellung des Künstlers Emil Nolde (1867–1956) ein Jahr nach seinem Tod. MEHR


Beschlagnahme der "Entarteten Kunst" 1937/1938

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Entartete Kunst — Bildersturm vor 25 Jahren

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Internationale Plakate 1871–1971

09.10.71 – 02.01.72

Hundert Jahre nach dem Plakat Fred Walkers "Woman in White" (1871) und in einer Zeit, in der sich Andy Warhol im Rahmen der Pop Art die Darstellung von Konsumprodukten zu eigen machte, machte sich die Ausstellung daran, die Kunstgeschichte des Plakats nachzuzeichnen. MEHR


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