Eröffnungsvorträge und Diskussion zu "Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965"

Vortrag, Diskussion 14.10.16, 19 Uhr

Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung halten die Kunsthistorikerin Katy Siegel, Kuratorin der Ausstellung, und die Kunstkritikerin und Kuratorin Geeta Kapur, zwei der führenden Expertinnen für die Nachkriegskunst, die Eröffnungsvorträge, gefolgt von einer Diskussion mit Chika Okeke-Agulu, außerordentlicher Professor für Kunstgeschichte an der Princeton University und Redakteur der Zeitschrift "Nka: Journal of Contemporary African Art", Ulrich Wilmes, Kurator der Ausstellung und Hauptkurator des Haus der Kunst, und Okwui Enwezor, Kurator der Ausstellung und Direktor des Haus der Kunst. Die Veranstaltung gibt einen umfassenden kunsthistorischen Überblick über Themen und Umfang der Ausstellung.

 

Katy Siegel
Die Geschichte der Menschheit ist verbunden mit der Geschichte der Malerei

Museen haben die Geschichte der Kunst seit 1945 zumeist aus rein europäischer oder amerikanischer Sicht dargestellt. Postwar: Art Between the Pacific and the Atlantic, 1945-1965 ist die erste Ausstellung, die sie als Weltgeschichte erzählt. Postwar betrachtet den Zweiten Weltkrieg als weltumspannendes Geschehen und berücksichtigt dementsprechend nicht nur das verwüstete Europa und Japan oder den amerikanischen Aufstieg zu nie gekannter politischer Vorherrschaft, sondern ebenso die von diesem Krieg ausgelösten Befreiungskämpfe in Afrika, Asien und im Nahen Osten. Diese zwanzig Jahre waren ebenso sehr eine Geschichte der Entkolonisierung wie eine des Kalten Krieges. Wenn wir die Kunst aus globaler Perspektive betrachten, verlieren gewohnte Gegensätze wie die zwischen abstrakt und figürlich oder zwischen modern und autochthon die feststehende Bedeutung, die Kunsthistoriker ihnen gewöhnlich zuschreiben. Zugleich gewinnen Fragen etwa des Humanismus an Brisanz. In dieser Periode des gewollten Kosmopolitentums und der erzwungenen Verschiebung aller Kategorien gestalteten Künstlerinnen und Künstler im Dialog mit Geschichte, Tradition, Politik und mit einander aufregende – hier erstmals versammelte – Objekte. Sie erzählen uns immer noch viel über die Welt, in der wir heute leben.

- Katy Siegel

Katy Siegel, Kuratorin der Ausstellung "Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965" ist Inhaberin des Eugene V. and Clare E. Thaw Endowed Chair in Modern American Art an der Stony Brook University sowie Senior Programming and Research Curator am Baltimore Museum of Art. Zu ihren Büchern zählen "'The heroine Paint': After Frankenthaler", "Since '45: America and the Making of Contemporary Art" sowie "Abstract Expressionism". Sie hat Katalogbeiträge zu modernen und zeitgenössischen Künstlern verfasst, darunter Willem de Kooning, Wols, Georg Baselitz, Frank Stella, Magnus Plessen, Eberhard Havekost, Sharon Lockhart und Sarah Sze, und ist Redakteurin bei "Artforum". Sie war Kuratorin der Ausstellungen "Painting Paintings (David Reed), 1975" (zusammen mit Christopher Wool), "Light Years: Jack Whitten, 1971-1974", "The Matter that Surrounds Us: Wols and Charline von Heyl" sowie "High Times Hard Times: New York Painting, 1967-75". 2017 wird sie Mark Bradfords Installation des amerikanischen Pavillons bei der Biennale von Venedig mitkuratieren.

Geeta Kapur
Rekursives Erzählen: Wie Kunstgeschichte entstehen kann

Fast vierhundert Kunstwerke aus sechzig Ländern auf einer Ausstellungsebene: eine Künstlergemeinde, versammelt innerhalb der wesentlichen Parameter der Nachkriegsmoderne. Die Schau komprimiert diese umfassende Geschichte so sehr, dass sie in sich zusammenfällt – und unebenes Gelände freilegt: disparate Orte, Bedingungen und Mittel der (Kunst-) Produktion.
Das apokalyptische Danach ist Geschichte, in sie geätzt das Trauma. Es folgen der Kalte Krieg und das Wiederaufleben des Kolonialismus – solche Dringlichkeiten bestimmen die Weltpolitik nach dem Weltkrieg. Neue Nationen, als demokratische Republiken verfasst, schwören sich auf die planmäßige Modernisierung ein. Zugleich beanspruchen vorkoloniale, neu ausgerichtete Traditionen eine stilistische Vielfalt der kulturellen Moderne. Wenn Widersprüche den eigentlichen Gehalt der Ästhetik der Dritten Welt bilden, so bezeichnet die diktatorische Unterdrückung in etlichen Teilen dieser Welt deren ethisches und politisches Scheitern.
Die Ausstellung verflicht Geschichte und Kunstgeschichte. Noch während die Sprache der Moderne an ihrer Souveränität festhält, sehen wir sie auseinandergerissen von ihren radikalen Ableitungen. Die ungefügige Schablone der Moderne spiegelt materiales und formales „Anderssein“ – wie die Künstlergruppe Gutai in Japan und der brasilianische Neo-Konkretismus (1950er bis 1970er Jahre) gemeinsam deutlich machen.
Auf anderer Ebene ermöglicht die Ausstellung aus der Zeit gefallene Neuaufnahmen der Geschichte. Wird die dem europäischen Realismus zugrunde liegende humanistische Prämisse in Mexiko, in der Sowjetunion oder in Indien zur allegorisierten Nation-Form? Unterkategorien wie die indigene, die nationale und die diasporische fordern Einordnung in den Kontext der Nachkriegsglobalität.
Es scheint eine rekursive Erzählung zu geben, die von Zukunftshoffnungen getriebene mit materialen Schaffensweisen koppelt. Nimmt die Ausstellung am Ende das Auftauchen anderer, noch unbeschriebener Avantgarden in der Kunst des 20. Jahrhunderts vorweg?

- Geeta Kapur

 Geeta Kapur (lebt und arbeitet in Delhi) ist Kunstkritikerin und Kuratorin. In vielen Anthologien sind Aufsätze von ihr erschienen. Zu ihren Büchern zählen "Contemporary Indian Artists" (1978), "K.G. Subramanyan" (1985), "When Was Modernism: essays on contemporary cultural practice in India" (2000) sowie "Critic’s Compass: Navigating Practice" (im Druck). Sie war Mitgründerin und Herausgeberin des "Journal of Arts & Ideas" und Mitglied des Fachbeirats von "Third Text". Sie ist Kuratorin und beratende Redakteurin von "Marg." und redaktionelle Beraterin von "ARTMargins". Zu ihren kuratorischen Projekten zählen "Dispossession" (Johannesburg Biennale, 1995), "Bombay/Mumbai, Century City" (Tate Modern, 2001, Co-Kuratorin), "subTerrain" (Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 2003) und "Aesthetic Bind" (Chemould, Mumbai, 2013-14). Sie hat international Vorträge gehalten und war Gastdozentin am Institute of Advanced Study, Shimla, im Nehru Memorial Museum and Library in Delhi, in der Clare Hall der University of Cambridge und in der Jawaharlal Nehru University in Delhi.

Chika Okeke-Agulu ist außerordentlicher Professor für Kunstgeschichte an der Princeton University und Redakteur der Zeitschrift "Nka: Journal of Contemporary African Art". Er hat zahlreiche Ausstellungen mitorganisiert, darunter den nigerianischen Pavillon bei der ersten Biennale von Johannesburg 1995, "Seven Stories About Modern Art in Africa" (Whitechapel Art Gallery, London 1995), "The Short Century: Independence and Liberation Movements in Africa, 1945-1994" (2001), die fünfte Biennale von Gwangju (2004) sowie "Who Knows Tomorrow" (2010). Zu seinen Publikationen zählen "Contemporary African Art Since 1980" (2009), "Who Knows Tomorrow" (2010) und "Postcolonial Modernism: Art & Decolonization in 20th-Century Nigeria" (2015). 2016 erhielt Okeke-Agulu den College Art Association Frank Jewett Matther Award für besondere Leistungen in der Kunstkritik. Chika Okeke-Agulu ist Kolumnist bei der Huffington Post und Blogger für Ọfọdunka.

Einführung und Moderation: Okwui Enwezor, Direktor des Haus der Kunst
In englischer Sprache

Tickets
5 €


Eröffnungsvorträge und Diskussion zu "Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945-1965"

14.10.16, 19 Uhr

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