Asier Mendizabal: "Face Value (the Possibility of the Terrible)"

Vortrag, Seminar 22.10.15

In Miguel Unamunos Buch "Wie man einen Roman macht" steht ein rätselhafter Satz, mit dem der Philosoph und Autor eine Betrachtung über seine eigene Gegenwart abschließt: "Geschichte ist die Möglichkeit, dass das Schreckliche geschieht". Das Wort "schrecklich" kann die Bedeutung des spanischen Originals – "espanto" – nicht in allen Nuancen einfangen: "Espanto" ist nicht nur das Schreckliche an sich, sondern etwas Schreckliches, das völlig unerwartet hereinbricht. Mit dem Begriff der "Möglichkeit" und der Idee eines ständig lauernden, unerwarteten Schreckens scheint Unamuno die Geschichte als die stets latente Anwesenheit eines unmittelbar drohenden Ereignisses zu begreifen. Erst nachträglich wird das tatsächliche Zutagetreten des Schreckens zu einem linearen Narrativ von Meilensteinen wichtiger Ereignisse, die in der Vergangenheit liegen. In Unamunos Formulierung liegt daher auch eine Beschwörung all der unrealisierten Möglichkeiten, all der denkbaren Schrecken, die in einer permanenten Gegenwart gleichzeitig existieren. Der Kontingenzcharakter, den diese Idee der Etablierung des historischen Narrativs zuschreibt, fordert in der zeitgenössischen Kultur zu einer Art fiktionalisierter Reversibilität auf, zu einer Rückkehr zu den Was-wäre-wenn-Szenarios, die vor allem in der Literatur erforscht werden. Unamunos Satz deutet auf ein komplexes Verständnis der Beziehung zwischen Kunst und Geschichtsschreibung hin; aber weniger, indem er die fiktive narrative Struktur der Geschichte aufzeigt, sondern vielmehr als Methode, sich mit dem Material auseinanderzusetzen, das diese Narrative enthält. Der Vortrag "Face Value (the Possibility of the Terrible)" geht von verschiedenen konkreten Repräsentationen aus, die, wörtlich genommen, einige Symptome ihrer geschichtlichen Gegenwart enthüllen, dabei auch unserer eigenen Gegenwart. Die irreduzible materielle Konsistenz bestimmter Repräsentationen übersteigt die Bedeutungen, mit denen sie für gewöhnlich als historische Zeichen in Beziehung gesetzt werden. Im Seminar, das auf den Vortrag folgt, werden einige Bilder und Formen in Bezug auf ihren jeweiligen historischen Kontext untersucht, ebenso wie Bilder und Formen, die als Analogien zur Idee der Geschichte an sich gebraucht werden.

Asier Mendizabal ist Künstler, lebt und arbeitet in Bilbao. Seine Arbeit steht der Bildhauerei nahe und wird in verschiedenen Medien und Methoden umgesetzt, auch in Textform. Er hatte Einzelausstellungen bei Raven Row in London, im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, bei Culturgest in Lissabon, DAE in San Sebastián sowie im MACBA in Barcelona. Mendizabal nahm weiterhin an vielen Gruppenausstellungen teil, darunter die 31. Biennale von São Paulo, "Whose Subject am I?" im Kunstverein Düsseldorf, die 54. Biennale von Venedig, "Scenarios about Europe" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, "In the First Circle" in der Fundació Tápies in Barcelona, Às Artes, "Cidadãos!" im Serralves Museum in Porto, "Després de la notícia" im CCCB in Barcelona, die Manifesta 5 sowie die Biennalen in Taipei und Bukarest.

Vorbereitende Literatur für Teilnehmer/Innen
Agoramaquia
A Letter Arrives at Its Destination

Zur Veranstaltungssreihe "Kunst und Historiografie" fanden vier Vorträge mit anschließendem Seminar statt.

Antony Hudek
"Making (Up) Queer Histories"
Donnerstag, 26.11, 19 Uhr: Vortrag (HDK)
Freitag, 27.11, 10 Uhr: Seminar (HDK) MEHR

Zdenka Badovinac
"Art as a Parallel Cultural Infrastructure / Legacy of Post War Avantgardes from Former Yugoslavia"
Donnerstag, 14.01, 19 Uhr: Vortrag  (HDK)
Freitag, 15.01, 10 Uhr: Seminar (HDK) MEHR

Gerard Byrne
"Museums for playback"
Donnerstag, 28.01, 19 Uhr: Vortrag  (AdBK)
Freitag, 29.01, 10 Uhr: Seminar (HDK) MEHR

Eine Kooperation des Lehrstuhls für Philosophie | Ästhetische Theorie an der Akademie der Bildenden Künste und des Haus der Kunst. Organisation: Stefan Apostolou-Hölscher, Patrizia Dander, Maria Muhle, Jenny Nachtigall, Andrea Saul

"Kunst und Historiografie – Eine mimetische Konstellation" war eine Veranstaltung der DFG-Forschergruppe "Medien und Mimesis".

Asier Mendizabal, Foto Etxepare Euskal Institutua

Stretch your view


Stretch your view