Die Kunst der Naiven. Themen und Beziehungen

AUSSTELLUNG 01.11.74 – 12.01.75

Zu Beginn der 1970er-Jahre ging eine Welle der Begeisterung für "Die Kunst der Naiven" durchs Land – figurativ-bunte Bilder in stark vereinfachter Darstellung aus der Hand von Laien –, der die Ausstellung Rechnung zu tragen suchte. Die Gründe für die wachsende Anziehungskraft einer kindlichen Anschauungswelt sah Ausstellungskurator Oto Bihalji-Merin in der Krise der wissenschaftlich-technischen Entwicklung und der damit verbundenen Selbstentfremdung des Menschen. Die Gliederung der Ausstellung folgte nicht der nationalen oder sozialen Zugehörigkeit der Urheber der rund 500 gezeigten Objekte, sondern orientierte sich an verschiedenen Themenkreisen. Sie sollten einen Überblick über die vielfältigen Beziehungen innerhalb der naiven Kunst des 20. Jahrhunderts ermöglichen.
Zum Auftakt vollzog die Ausstellung die Entwicklung der Naiven Kunst nach. So zeigen sich im Rückblick auf die "Frühe Kunst" Gemeinsamkeiten in vorperspektivischem Blick, Frontalität, knapper Form und vereinfachender Stilisierung, wie wir sie z. B. von den Höhlenmalereien kennen. Von dort führt der Weg zur "Kinderkunst", die ihren Reiz im Ungeschickt-Spontanen, im Gekritzel als Zeichen der rational unentwickelten Stufe des Bewusstseins entfaltet. Demgegenüber ist die faszinierende "Bildnerei von Geisteskranken" mit ihrem Hang zum Absurden und Phantastischen häufig Ausdruck von Angst, Raserei und Halluzination. Mit der "Volkskunst", wie wir sie von bayerischen Votivbildern ebenso wie von den amerikanischen "limners" kennen – Handwerkern, die sich in den Dienst der dekorativen Gestaltung der Umwelt stellten – ist die Grenze von "Laienmalerei und Naiver Kunst" erreicht: "Der naive Künstler erreicht durch die Spannung zwischen technischer Unkenntnis und innerem Wahrbild, zwischen gedanklicher Einfalt und visueller Vorstellung jene Eigenheit des schöpferischen Ausdrucks", die ihn vom Amateurkünstler unterscheidet, der sich der professionellen Kunst zugehörig fühlt und ihren stilistischen Wandlungen folgt (Oluf Braren, "Haustrauung auf der Insel Föhr", o. J.)
Paul Gauguins Südseereise in den 1890er-Jahren beförderte das Interesse der modernen "Berufskünstler" für primitive Kulturen und die afrikanische "Negerplastik" und revolutionierte die Kunst des 20. Jahrhunderts mit dem Verzicht auf illusionistische Nachahmung der Wirklichkeit. Henri Rousseau und die "Maler des Heiligen Herzens" (Louis Vivin, Séraphine Louis, Camille Bombois und André Bauchant) gelten seit ihrer Entdeckung durch den Kunsthistoriker Wilhelm Uhde als Begründer der Naiven Kunst – sie bildeten mit 27 Gemälden des Zöllners Rousseau und 100 Werken seiner Kollegen den Mittelpunkt der Ausstellung. Rousseaus Bilder – darunter "Der hungrige Löwe zerfleischt eine Antilope" (1905) und "Die Fußballspieler" (1908) – verbinden die Wirklichkeit mit dem Traum und führen in ihrem grotesken Bezug zu den Dingen in eine magisch-exotische Welt. Sein Stil hatte großen Einfluss auf die künstlerische Avantgarde, auf Maler wie Picasso, Giorgio de Chirico, Robert Delaunay und die Surrealisten.
Mit dem Verlust des Glaubens ging eine malerische Wiederbelebung der Götter seitens der bäuerlichen Künstler einher, die eine Welt voller Magie und Zauber schufen. "Das Heilige und das Phantastische" verbinden die ekstatisch gesteigerten biblischen Visionen des Deutschen Adalbert Trillhaase, die naiven Kirchenszenen des Polen Nikifor und die phantastischen Darstellungen des Kroaten Ivan Generalic ("Der gekreuzigte Hahn", 1964). Neben der "Historien- oder Ereignismalerei", die sich ebenso mit Christoph Kolumbus, Henry Kissinger und dem Tod im Konzentrationslager beschäftigt, spielt das Motiv von "Landschaften und Städten" eine große Rolle in der naiven Kunst, vertreten etwa durch die amerikanische Malerin Anna Mary Robertson, genannt Grandma Moses ("Mary und das kleine Lamm", 1943). Mit "Arbeit, Spiel und Festen" befassen sich zahlreiche Genredarstellungen wie die von Elek György, Orneore Metelli und Rudolf Geyer. Viele Laienmaler widmen sich "Tieren und Blumen", darunter Ilija Bosilj-Basicevic, Micheline Boyadjian und Ferdinand Desnos. Andere wiederum leisten mit eigenwilligen Aktdarstellungen einen Beitrag zum Thema "Eros", so Ondrej Steberl ("Weiblicher Akt im Gebirge", 1969), Camille Bombois und Friedrich Schröder-Sonnenstern. Eine besondere Stellung nehmen darüber hinaus "Bildnis und Selbstbildnis" der naiven Künstler ein – ein Gebiet, auf dem sich u.a. Adolf Dietrich, Vivian Ellis und Max Raffler mit eindrücklichen Werken präsentieren.
Der Überblick über die vielfältigen Erscheinungsformen der Naiven Kunst zeigte, dass diese trotz krisenbedingter Veränderungen und modischer Auswüchse nicht als kuriose Randerscheinung abgetan werden kann. Im Gegenteil: "Die Naive Kunst, soweit sie wirklich naiv und in Wahrheit Kunst ist, wird weiterleben: Sie trägt dazu bei, die wachsende Entfremdung des Menschen von sich selbst und von der Natur zu überbrücken."

Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich.

Der broschierte Katalog trägt auf dem Einband die farbige Abbildung von Henri Rousseaus "Die Fußballspieler" (1908). Er umfasst 560 Seiten mit 15 Farbtafeln und zahlreichen s/w-Abbildungen. Der einführende Text "Die Kunst der Naiven. Beziehungen, Analogien und Abgrenzungen" wurde von Oto Bihalji-Merin verfasst. Ihm sind Literaturhinweise und eine Liste wichtiger Ausstellungen angefügt. Die Künstlerbiografien leiten den Katalog der "Ausgestellten Werke" mit insgesamt 491 Nummern ein: er ist in 17 Kapitel gegliedert, die jeweils durch einführende Texte erläutert werden.

Fotonachweis Morris Hirshfield: Fotoarchiv Marburg

Henri Rousseau, Der hungrige Löwe zerfleischt Antilope, 1905, Kunstmuseum, Basel © Artothek / Bridgeman Images
Henri Rousseau, Der hungrige Löwe zerfleischt Antilope, 1905, Kunstmuseum, Basel © Artothek / Bridgeman Images
Camille Bombois, Sacré-Coeur, 1932, Detail, Musee National d'Art Moderne, Centre Pompidou, Paris © Bridgeman Images, Foto Peter Willi
Camille Bombois, Sacré-Coeur, 1932, Detail, Musee National d'Art Moderne, Centre Pompidou, Paris © Bridgeman Images, Foto Peter Willi
Morris Hirshfield, Mädchen mit Tauben, 1942, New York, Privatsammlung © Fotoarchiv Marburg
Morris Hirshfield, Mädchen mit Tauben, 1942, New York, Privatsammlung © Fotoarchiv Marburg

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AUSSTELLUNG

Hundertwasser – Friedensreich – Regentag

22.02 – 11.05.75

Mit der Ausstellung des Werks von Friedensreich Hundertwasser widmete sich das Haus der Kunst dem vielfältigen künstlerischen Schaffen eines zeitgenössischen österreichischen Künstlers. MEHR


AUSSTELLUNG

Egon Schiele 1890–1918

22.02 – 11.05.75

Egon Schieles kurzes Leben "im Umkreis der noch einmal vom Glanz einer sterbenden Epoche verklärten Wiener Kultur" bildete den Hintergrund für die Ausstellung mit rund 300 Werken des Künstlers. MEHR


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Alexander Calder

10.05 – 13.07.75

Mit rund 170 Objekten würdigte das Haus der Kunst München das Lebenswerk des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder, der die Retrospektive kurz vor seinem Tod noch wohlwollend unterstützte. MEHR


AUSSTELLUNG

Ernst Wilhelm Nay — Bilder und Dokumente

26.07 – 21.09.80

Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) gilt wegen der abstrakten Bildsprache und der Auffassung vom "Gestaltwert der Farbe" als führender Vertreter der Nachkriegsmoderne. MEHR


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Amerikanische Malerei 1930-1980

14.11.81 – 31.01.82

Tom Armstrong bot dem deutschen Publikum einen repräsentativen Überblick über die Entwicklung der "Amerikanischen Malerei 1930-1980" – jene Epoche also, in der erstmals in der Kunstgeschichte die maßgeblichen Impulse nicht von Europa, sondern von Amerika ausgingen. MEHR


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Picasso 1900–1955

Die Ausstellung vollzog die künstlerische Entwicklung Pablo Picassos anhand von insgesamt 256 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen und Keramiken nach. MEHR


AUSSTELLUNG

Edvard Munch

Mit einer umfangreichen Retrospektive ehrten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie in Oslo den großen norwegischen Maler Edvard Munch (1863–1944). MEHR


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Internationale Plakate 1871–1971

09.10.71 – 02.01.72

Hundert Jahre nach dem Plakat Fred Walkers "Woman in White" (1871) und in einer Zeit, in der sich Andy Warhol im Rahmen der Pop Art die Darstellung von Konsumprodukten zu eigen machte, machte sich die Ausstellung daran, die Kunstgeschichte des Plakats nachzuzeichnen. MEHR


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Der Surrealismus 1922–1942

11.03 – 07.05.72

Rund 50 Jahre nach der Entstehung des Surrealismus in Paris rückte die Ausstellung jene Künstler in den Mittelpunkt der Betrachtung, die für diese Zeit prägend gewesen waren. MEHR


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Die dreißiger Jahre. Schauplatz Deutschland

11.02 – 17.04.77

Golo Mann würdigte die Ausstellung zur deutschen Malerei, Skulptur und angewandten Kunst in den "Dreißiger Jahren" als ein kühnes Unterfangen – war doch die Epoche bis dahin mit einem Tabu belegt gewesen. MEHR


AUSSTELLUNG

Wege zur Abstraktion

12.08 – 09.10.88

Anstelle der wiederholten Präsentation berühmter Werke der Alten Kunst konzentrierte man sich in der Ausstellung auf "80 Meisterwerke" der Klassischen Moderne aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza, um an ihnen die "Wege zur Abstraktion" exemplarisch nachzuvollziehen. MEHR


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Elan Vital oder Das Auge des Eros.

20.05 – 14.08.94

Entsprechend der Vorstellung vom Leben als einheitlichem, aber verzweigten Strom verfolgt die Ausstellung das Phänomen der organischen Abstraktion bei Kandinsky, Klee, Arp, Miró und Calder zwischen 1920 und 1945. MEHR


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Roy Lichtenstein — Die Retrospektive.

14.10.94 – 08.01.95

Roy Lichtenstein gilt neben Andy Warhol als Begründer der Pop Art, die von Robert Rauschenberg und Jasper Johns vorbereitet worden war. MEHR


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Brassai — Vom Surrealismus zum Informel.

21.01 – 26.03.95

Die Fotografien von Gyula Halász, der sich Brassai nannte, führen ins Paris der 1930er-Jahre, wo er zunächst als Journalist arbeitete und dann autodidaktisch zur künstlerischen Fotografie fand. MEHR


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Barnes Collection

23.06 – 22.10.95

Die Ausstellung zeigt die legendäre Sammlung moderner Kunst, die Alfred C. Barnes zusammengetragen hat. Gezeigt werden berühmte Schlüsselwerke der rund 2000 Werke umfassenden Sammlung. MEHR


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Pierrot — Melancholie und Maske.

15.09 – 03.12.95

Die melancholische Komödiantenfigur des Pierrot fasziniert seit rund 400 Jahren die Künstler. Als facettenreiche Figur steht sie im Mittelpunkt dieser Ausstellung und belegt ihre bis heute anhaltende Aktualität. MEHR


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Frantisek Kupka und Otto Gutfreund

15.05 – 20.07.97

Die Ausstellung präsentiert über 200 Arbeiten František Kupkas aus sämtlichen Werkphasen. Seinen Werken sind 18 Bronzeskulpturen Otto Gutfreunds gegenübergestellt. MEHR


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Ellsworth Kelly. Retrospektive.

17.10.97 – 20.01.98

Ellsworth Kelly gehört zur Generation derer, die in den 1950er-Jahren den Abstrakten Expressionismus überwanden und eine neuartige Bildsprache entwickelten. MEHR


AUSSTELLUNG

Joel Shapiro

24.10.97 – 18.01.98

Joel Shapiro zählt zu den wichtigsten amerikanischen Bildhauern der Gegenwart. Die Ausstellung zeigt elf Werke, die seine künstlerische Entwicklung der Jahre 1993-1997 erkennen lassen. MEHR


AUSSTELLUNG

Christian Boltanski — Verloren in München.

14.11.97 – 11.01.98

Die im Zusammenhang mit der "Edition No. 46" des SZ-Magazins für das Haus der Kunst entstandene Installation führt die Ausstellungsbesucher in eine temporäre Filiale des Münchner Fundbüros. MEHR