Lyonel Feininger 1871–1956

AUSSTELLUNG 24.03 – 13.05.73

Mit einer Retrospektive ehrte das Haus der Kunst 1973 den deutsch-amerikanischen Künstler Lyonel Feininger als eine der prägenden Persönlichkeiten der Klassischen Moderne. Hans Hess, der Verfasser des Werkverzeichnisses (1959) und verantwortlich für das wissenschaftliche Konzept der Ausstellung, würdigt ihn in seiner Einführung zum Katalog als "einen der feinfühligsten Maler unserer Zeit", dessen Werke "ohne Enigma und ohne Trauma" seien. Er schildert ihn als einen Künstler, der, von der Wirklichkeit ausgehend, nicht die Abstraktion, sondern die Transformation suchte.
Im Katalog wird der Werdegang Lyonel Feiningers anhand von sechs Gattungen skizziert, ohne einzelne Werke hervorzuheben. Nachdem Feininger, in New York geboren und Sohn eines Geigers, in Deutschland seine künstlerische Ausbildung absolviert hatte, verdiente er seinen Lebensunterhalt zunächst mit Karikaturen und Illustrationen für Satireblätter. Später wendet er sich Zeichnungen, Naturstudien und Kohlekompositionen zu, die wie erste Skizzen der Kirche in Gelmeroda (1906) auf der Wirklichkeit beruhen. Ebenso wie die Aquarelle, Gouachen, Pastelle und aquarellierten Zeichnungen wird auch die Druckgrafik zum idealen Medium des Zeichners. Eine Dokumentation seiner vielfältigen Beschäftigungen als Musiker, Komponist, Maler, Zeichner und Handwerker rundet den Überblick ab.
Mit rund 100 Gemälden bot die Ausstellung einen malerischen Querschnitt durch alle Schaffensphasen des Künstlers: Während die seit 1907 entstehenden Bilder anfangs noch die grotesken Gestalten der Karikaturen aufgreifen ("Kanalisationsloch I", 1908), widmet er sich in den Jahren von 1912 bis 1918 vorwiegend architektonischen Motiven in streng-geometrischen Kompositionen. Sie lassen in der Facettierung der Formen sowohl den Einfluss des Kubismus ("Normannisches Dorf I", 1918) wie den der Futuristen erkennen ("Dampfer 'Odin' I", 1917). Herausragende Beispiele dieser Schaffensphase sind die Ansichten der Kirche von Gelmeroda, einem Dorf im Thüringer Umland von Weimar, die er in vielfachen Variationen zum Inbegriff spiritueller Monumentalität stilisiert ("Gelmeroda II", 1913). Die Werke jener Jahre tragen ihm die Anerkennung durch die Künstler des "Blauen Reiter" ein, mit denen er 1913 im Herbstsalon in Herwarth Waldens "Sturm"-Galerie in Berlin ausstellt.
Seit Feininger 1919 als Lehrer am Bauhaus tätig ist und die Sommer an der Ostsee verbringt, beschäftigt ihn die Erfahrung des Lichtes im Raum. Angeregt durch den Orphismus Robert Delaunays steigert er die Natureindrücke sowohl in "Das hohe Ufer" (1923) als auch in den Darstellungen der Kirche in Halle zu Ewigkeitsvisionen von absoluter Stille. Die Zusammenarbeit mit Kandinsky, Klee und Jawlensky am Bauhaus mündet 1924 in die Gründung der Gruppe "Die Blaue Vier".
Feiningers Erfolg als "Meister der Moderne" bricht mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten abrupt ab und bringt mit der Emigration nach Amerika eine einschneidende Zäsur mit sich. Der künstlerische Neubeginn in New York führt – vielfach weiterhin auf der Grundlage seines deutschen Motivrepertoires, aber auch inspiriert durch die Begegnung mit dem Künstler Mark Tobey – Anfang der 1940er-Jahre zum neuen, grafischen Stil, wie er sich in den "Manhattan"-Bildern zeigt ("Manhattan, Nacht", 1940). In seiner letzten Schaffensperiode schließlich schlägt er mit satirischen Zeichnungen wie den "Männikins" (1955) den Bogen zu den karikaturistischen Anfängen.
Lyonel Feininger, dem das Museum of Modern Art bereits 1942 eine Ausstellung gewidmet hatte, fand sowohl in Deutschland als auch in Amerika die künstlerische Anerkennung, die ihm nach Meinung der Ausstellungsmacher als "dem ruhigsten und stillsten" unter den westlichen Künstlern gebührte, mit einem Werk, das getragen ist von "Humor, Nachsicht und Weitsicht".

Der broschierte Katalog trägt auf dem Einband die farbige Abbildung von Lyonel Feiningers Gemälde "Architektur II oder: Der Mann von Potin" (1921) und umfasst circa 240 Seiten. Er enthält im Textteil neben einem Vorwort von Hans Hess die mit Fotos illustrierten Lebensdaten, ein Ausstellungsverzeichnis und eine Bibliografie. Der Katalog der "Ausgestellten Werke" listet insgesamt 328 Objekte. Ihm sind 18 Farbtafeln vorangestellt, zahlreiche s/w-Fotos ergänzen die jeweilige Gattung.

Lyonel Feininger, Am Quai, 1912, Sprengel Museum, Hannover © bpk Bildagentur, Foto Michael Herling, Aline Gwose
Lyonel Feininger, Am Quai, 1912, Sprengel Museum, Hannover © bpk Bildagentur, Foto Michael Herling, Aline Gwose
Lyonel Feininger 1871-1956, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1973, Foto Archiv Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V. (vormals Ausstellungsleitung e.V.)
Lyonel Feininger 1871-1956, Installationsansicht, Haus der Kunst, 1973, Foto Archiv Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V. (vormals Ausstellungsleitung e.V.)

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Bildergalerie


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