Europäischer Expressionismus

AUSSTELLUNG 07.03 – 10.05.70

Die in Zusammenarbeit mit der Réunion des Musées Nationaux Paris entwickelte Überblicksschau zum "Europäischen Expressionismus" verstand sich als Erweiterung einer Ausstellung, die wenige Jahre zuvor (1966) am gleichen Ort (München, Paris) stattgefunden und mit dem französischen Fauvismus und dem deutschen Frühexpressionismus zwei bedeutende Strömungen der Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts verglichen hatte. Diesmal verfolgten die Kuratoren Jean Leymarie, Paul Vogt und L. J. F. Wijsenbeek das Ziel, die expressionistischen Tendenzen in Deutschland und Frankreich, aber auch in den Niederlanden, Belgien und Norwegen zu untersuchen. Die gemeinsame Grundlage schufen Paul Gauguin ("Bildnis Vincent van Gogh mit Sonnenblume", 1888), und Vincent van Gogh ("Selbstbildnis mit Strohhut", 1887) als Vertreter des Frühexpressionismus mit ihrem Streben nach Vereinfachung der Form, Intensität der Farben und Verzicht auf Tiefenräumlichkeit. Das eigentliche, expressive Ausdrucksverlangen, die Umsetzung eines intensiven Lebensgefühls im Bild, galt hingegen lange Zeit als vorwiegend deutsche Domäne. Ziel der Ausstellung, die rund 300 Ölgemälde und Druckgrafiken zeigte, war es, "diesem Lebensgefühl und seinen Auswirkungen in bestimmten Phasen der europäischen Kunst in unserem Jahrhundert nachzuspüren."
Jean Leymarie skizziert in seinem Katalogbeitrag die Entwicklung des Expressionismus in Frankreich. Dazu gehören etwa 20 zum Teil der École de Paris angehörende Künstler, deren Arbeiten in der Nachfolge von Paul Cézanne stehen, wenn auch eher formal als inhaltlich. Mit dem Aufkommen des Fauvismus in Paris begann 1905 die zweite expressionistische Welle; Leymarie zitiert dessen Hauptvertreter Henri Matisse mit den Worten: "Was ich vor allem anstrebe ist der Ausdruck" wie er sich beispielhaft in dem Gemälde "Die Algerierin" (1909) mit ihrer kantigen Linienführung, den schwarz betonten Konturen und der leuchtenden Farbigkeit zeigt. Georges Rouault wird mit seinen Werken religiöser Thematik als der einzige französische Expressionist angesehen ("Figur. Studie für das Miserere", 1921/25). Ein heftiges Auflodern des Expressionismus in Frankreich ergreift zeitweise neben Picasso ("Sitzender Mann mit Glas", 1914) auch Joan Miró, Fernand Léger sowie Robert und Sonja Delaunay. Den entscheidenden Beitrag der École de Paris leisten, Leymarie zufolge, Marc Chagall, Chaim Soutine und Amedeo Modigliani, indem sie die "nichtexpressionistische Sprache annehmen, um ihren stärksten Empfindungen Ausdruck zu verleihen."
Paul Vogt begrenzt den Expressionismus in Deutschland auf das Jahrzehnt zwischen 1910 und 1920. Er unterscheidet zwischen der ersten Phase, die mit der Gründung der Künstlergruppe "Die Brücke" in Dresden einsetzt und mit dem Ersten Weltkrieg endet, und der zweiten Phase zwischen 1914 und 1920. Beispielhaft zeigt sich diese Entwicklung am Werdegang der Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Max Pechstein, deren frühe Dresdner Bilder auf das Gewinnen einer neuen Bildgestalt gerichtet sind (Otto Mueller, "Drei Akte vor Spiegel", 1912). In den Berliner Jahren ab 1911 erreichen sie mit den Themen Großstadt, Varieté u.ä. ein Maximum an Ausdrucksstärke (Ernst Ludwig Kirchner, "Berliner Straßenszene", 1913), das sich auch in der Druckgrafik niederschlägt (Erich Heckel, "Hockende", 1914). Dass in Deutschland die geistige Konzeption wichtiger scheint als die künstlerische Ausführung, belegt in Süddeutschland die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter". Mit ihr erreicht der Expressionismus 1912 seinen Höhepunkt. Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter und Franz Marc ("Blaues Pferd I", 1911) gelingt die Abkehr von der Dingwelt zugunsten einer mystisch-expressiven Abstraktion als Ausdruck des "Geistigen in der Kunst" (Wassily Kandinsky, "Improvisation VI", 1909). Der Expressionismus klingt zu Beginn der 1920er-Jahre aus in einem neuen Realismus wie ihn Max Beckmann, Otto Dix und George Grosz vertreten (Max Beckmann, "Selbstbildnis mit rotem Schal", 1917). Zahlreiche Einzelgänger unter den Künstlern wie Paul Klee, Emil Nolde (Stillleben mit Birma-Tänzerin, 1915) und Oskar Kokoschka zeigen, dass der Expressionismus in Deutschland "mehr von der Vielfalt der Erscheinungen als von der Einheit des Stils bestimmt wird."
Die Entwicklung des Expressionismus in den Niederlanden vollzieht sich in der Nachfolge van Goghs bei den Malern Pieter Mondrian (Leuchtturm bei Westerkapelle, 1908), Piet van Dongen, Jan Toorop und Jan Sluyters über das Vorbild der französischen Neoimpressionisten in Form einer "Konzentration aller weltlichen Kräfte zu einem harmonischen Weltbild". In Belgien beschreitet der Expressionismus dagegen, vorbereitet durch James Ensor ("Die Masken und der Tod", 1897) als ironischer Beobachter des menschlichen Treibens, einen eigenwilligen Weg, der dazu tendiert, "die Nöte der Welt und der menschlichen Seele bloßzulegen." Als Zentralfigur und einer der großen Begründer des Expressionismus gilt der Norweger Edvard Munch, der mit der Betonung des psychischen Moments neue Maßstäbe setzt ("Geschrei", 1909), die sich auch im Holzschnitt zeigen ("Madonna", 1895/1902). 

Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Réunion des Musées Nationaux, Paris.

Der broschierte Katalog trägt auf dem Einband die farbige Abbildung von Edvard Munchs Bild "Geschrei" (1909). Er umfasst etwa 290 Seiten mit 10 Farb- und zahlreichen s/w-Abbildungen. Nach den "Vorstufen des Expressionismus" folgen die jeweiligen Darstellungen seiner Entwicklung in Frankreich, Deutschland, Belgien/Niederlande und Norwegen, gefolgt von der länderübergreifenden Auflistung der Grafik. Das Verzeichnis der ausgestellten Werke listet insgesamt 317 Exponate (Öl und Druckgrafik) von 69 Künstlern.

Karl Schmidt-Rottluff, Sonne im Kiefernwald, 1913, Detail, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © bpk Bildagentur / Scala
Karl Schmidt-Rottluff, Sonne im Kiefernwald, 1913, Detail, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © bpk Bildagentur / Scala
Franz Marc, Rote Rehe, äsend im Sonnenuntergang, 1911, Privatsammlung © Bridgeman Images
Franz Marc, Rote Rehe, äsend im Sonnenuntergang, 1911, Privatsammlung © Bridgeman Images

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