Utopia Station. Auf dem Weg nach Porto Alegre.

AUSSTELLUNG 07.10.04 – 16.01.05

Kuratiert von Molly Nesbit, Hans Ulrich Obrist und Rirkrit Tiravanija

Einige Veranstaltungen wurden co-produziert und ausgerichtet von Akademie der Bildenden Künste München, Bayerischer Rundfunk / Hörspiel und Medienkunst, Intermedium, Bayerisches Staatsschauspiel, Buchhandlung Walther König, Burda Akademie zum Dritten Jahrtausend / Iconic Turn, Dance 2004, Filmmuseum München, Münchener Kammerspiele, 
Seit Jahrhunderten gilt Utopia als Bild für die bestmögliche aller Welten. Diese Idee – geprägt durch eine lange Geschichte starrer Ideologien - wird in Mobilität versetzt und soll, abgelöst von vorgefertigten Begriffen, als Katalysator dienen. Sie wird dort wieder lebendig, wo sie in Aktion tritt und zur praktischen Anwendung gebracht wird. "Utopia Station" war eine Zwischenstation auf der Durchreise, ein Ort zum Rasten, zum Schauen, Reden, auf dem Weg zu einer besseren Welt.
"Utopia Station", kuratiert von Molly Nesbit, Hans Ulrich Obrist und Rirkrit Tiravanija, machte in München halt. Andere Stationen gingen voraus; einige waren Zusammenkünfte, einige fanden an virtuellen Orten statt, andere wurden als Ausstellungen realisiert. Über zweihundert Künstler, Architekten, Schriftsteller, Musiker und Performer trugen zur Definition von "Utopia Station" bei; die einzelnen Beiträge variierten, ebenso wie sich die Kontur des Projektes dehnte und wendete.
Die bekannteste "Utopia Station" ist eine erste große Ausstellung gewesen, die im Rahmen der Biennale in Venedig 2003 stattfand. Bereits im September 2003 wurde im Haus der Kunst München das "Utopia Station Poster Projekt" als Vorankündigung der diesjährigen "Utopia Station" eröffnet. Die neue "Utopia Station" in München wurde speziell im Hinblick auf die ehemalige Ehrenhalle im Haus der Kunst entworfen. Draußen, an einem ehemaligen Fahnenmast der Nationalsozialisten, flatterte ein Banner, entworfen von Leon Golub, einem jüngst verstorbenen "Utopia Station" Gefährten.
Die ehemalige Ehrenhalle im Haus der Kunst hat bekanntlich mehrere Vergangenheiten. Die erste ist berüchtigt: Die Halle wurde als Plattform für Propagandareden der Nationalsozialisten entworfen. Die jetzige Direktion des Haus der Kunst hat sich zur Priorität gesetzt, das Haus und die Halle zu rekonstruieren, um ihre Vergangenheit sichtbar zu machen, Tabula rasa, und um dieser eine neue, ebenfalls mächtige Nutzung der Räume entgegenzusetzen. "Utopia Station" hat ihren Teil dazu beitragen, indem sie das Mikrophon übernahm und den Raum mit einem Turm und einem Weg auflud. Nennen wir ihn einen Rednerturm; der Weg führt nach Porto Alegre.

Turm
Der Turm wurde aus dem Holz der horizontal gestreckten Architektur erbaut, die in Venedig zu sehen war, in drei Teile geteilt und aufgeschichtet. Ein Treppenhaus, das an den Außenwänden des Turms entlangführte, war mit Statements tapeziert. Die Statements – grafisch gestaltet von M/M – wurden von "Utopia Station" Künstlern und Künstlerinnen begleitend zu ihren jeweiligen Postern verfasst. Beides, Statements und Poster entstanden im Frühjahr 2003, als der Irakkrieg begann und heftig diskutiert wurde.
Im Turm hatten ein Kino und kleinere Ausstellungsräume Platz. Darin waren Arbeiten von Hans-Peter Feldmann, Jonas Mekas, Nils Norman, Yoko Ono sowie Manfred Pernice und Sean Snyder ausgestellt, die teils bereits in Venedig zu sehen waren. Außerdem wurde im Turm ein Filmprogramm gezeigt mit Werken von Agnès B., Pash Buzari, Natasha Sadr Haghighian, Marine Hugonnier, Pierre Huyghe, Isaac Julien, Deimantas Narkevicius, Yoko Ono, Philippe Parreno, Oliver Payne und Nick Relph, Martha Rosler, Anri Sala und Edi Rama, Allan Sekula, Agnès Varda, Anton Vidokle, Clemens v. Wedemeyer, Lawrence Weiner und Yang Fudong. Um den Turm herum befanden sich weitere Arbeiten aus Venedig, wie das "Sonic House" von Uglycute, das "Billboard House" von Alicia Framis und der von Martha Rosler und ihrem Kollektiv errichtete "Oleanna Pavillon". Die Struktur der Münchner Station wurde von dem Künstlerteam Rirkrit Tiravanija, Liam Gillick, Pierre Huyghe, Philippe Parreno und den Designern M/M ausgearbeitet.  
Eine Soundarchitektur von Building Transmissions und neue Werke aus dem Soundarchiv von Utopia Station hielten die Konstruktion akustisch zusammen. Der Sound wurde wie zufällig, gesteuert von einem Computerprogramm, aus diversen Lautsprechern gespielt. Audioarbeiten von Christian Boltanski, Janet Cardiff und George Bures Miller vervollständigten die Soundlandschaft.
Mit anderen Worten: Der Turm dehnte sich aus. Sounds, Videos und strukturierende Momente der Stille füllten einen ganzen Tag. Dazu wurde an vier Wochenenden ein Programm aus Lectures, Performances und Gesprächsrunden geboten. Dieses Programm nannte sich, metaphorisch, "Auf dem Weg nach Porto Alegre".

Auf dem Weg nach Porto Alegre
Porto Alegre ist Veranstaltungsort (mit einer Ausnahme) der jährlichen Treffen des Weltsozialforums, einer weltweiten Bewegung von nichtstaatlichen Organisationen, die sich seit vier Jahren unter der Parole "Eine andere Welt ist möglich" mobilisiert haben. Bei dem letzten Treffen vom 26.01. - 31.01.2005 hat auch "Utopia Station" teilgenommen.
Auf dem Weg nach Porto Alegre im Haus der Kunst sollten auch die großen Fragen globaler Politik diskutiert werden. Teilnehmer waren u.a. John Bock, Stefano Boeri, Jay Chung und Q Takeki Maeda, Olafur Eliasson, Hans-Peter Feldmann, Edouard Glissant, Joseph Grigely, Zaha Hadid und Patrik Schumacher, Karl Holmqvist, Enzo Mari, Jonas Mekas, Antonio Negri, Anatoly Osmolovsky, Martha Rosler, Tino Sehgal, Allan Sekula, Andreas Slominski, DJ Spooky, Bruce Sterling, Agnès Varda und Yang Fudong.
Die Aktivitäten, Diskussionen, Performances, die wechselnden Erfahrungen - charakteristisch für alle "Utopia Stations" – sind dazu gedacht, die Echtzeit auszudehnen, d.h. die Geschichte zu dehnen, zu bewegen, abzuwägen und zu verändern. Das sind große Worte; sie sind jedoch in der Mikro-Ökonomie des Zufußgehens zu verstehen. Wir sprechen zueinander. Wir hören einander zu. Wir legen ausführlich dar. Wir gehen gen Süden. Schritt folgt auf Schritt, Worte folgen auf Worte, Handlungen folgen auf Handlungen: eine permanente Demonstration.

Stretch your view


Stretch your view

Bildergalerie


AUSSTELLUNG

Christoph Schlingensief

25.05 – 16.09.07

Für die zentrale Mittelhalle im Haus der Kunst hat Christoph Schlingensief, Film-, Theaterregisseur und Künstler, eine raumgreifende Installation geschaffen: "18 Bilder pro Sekunde". MEHR


Booklet

Christoph Schlingensief —18 Bilder pro Sekunde

25.05.07

Das Booklet bietet einen Überblick über die Installation Christoph Schlingensiefs im Haus der Kunst, wie auch über sein Schaffen im Allgemeinen. MEHR


AUSSTELLUNG

Allora & Calzadilla

13.06 – 14.09.08

Das in Puerto Rico lebende Künstlerpaar Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla arbeitet in den unterschiedlichsten künstlerischen Medien. In der ehemaligen "Ehrenhalle" des Haus der Kunst präsentieren Allora & Calzadilla nun eine Arbeit, die sich mit der Geschichte dieses Raums befasst. MEHR


Publikation

Haegue Yang: Accommodating the Epic Dispersion

09.11.12

Begleitende Publikation zur ersten künstlerischen Auftragsarbeit im Rahmen der Serie "Der Öffentlichkeit — Von den Freunden Haus der Kunst" MEHR


Die Mittelhalle im Haus der Kunst

In der ehemaligen "Ehrenhalle" versammelte sich von 1937 bis 1944 alljährlich die NS-Führungsriege, hier rief Hitler zum "unerbittlichen Säuberungskrieg" gegen die Moderne auf. Nach dem Krieg nutzte man die zentrale Mittelhalle als Ausstellungsfläche und als Experimentierfeld für zeitgenössische Künstler. Seit 2012 bietet sie Raum für die jährlich wechselnde Auftragsarbeit DER ÖFFENTLICHKEIT – VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST, zu der das Haus der Kunst zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler einlädt. Foto: Installationsansicht der Ausstellung „Geschichten im Konflikt“ MEHR


AUSSTELLUNG

Apichatpong Weerasethakul

20.02 – 17.05.09

Die Geschichten des mehrfach ausgezeichneten thailändischen Filmemachers Apichatpong Weerasethakul beruhen auf Mythen und Erinnerungen. Sein Projekt "Primitive" ist ein mehrteiliges Projekt, das von Reinkarnation und Transformation handelt. MEHR


AUSSTELLUNG

Yayoi Kusama

09.02 – 06.05.07

Die Arbeiten der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama sind Besessenheit pur. Ihr Markenzeichen: Netzstrukturen, Kugeln, Spiegel – und vor allem Punkte, die so genannten "Polka Dots", mit denen sie ihre Welt überzieht. MEHR


AUSSTELLUNG

Rupprecht Geiger

25.01 – 08.05.08

Das Haus der Kunst ehrt den Münchner Künstler Rupprecht Geiger zu seinem 100. Geburtstag mit einer Installation in der zentralen Mittelhalle. Neben zwei großen Farbsegeln ist die berühmte "Rote Trombe" zu sehen. MEHR


AUSSTELLUNG

Garin Nugroho

19.09.08 – 11.01.09

Für seinen Film "Opera Jawa" (2006) interpretierte der indonesische Regisseur Garin Nugroho eine Geschichte aus dem indischen Nationalepos "Ramayana" neu. MEHR


Presseecho

Der Öffentlichkeit: SZ-Artikel zur Kunst im öffentlichen Raum

Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung "Klipp-Klapp, Ritsch-Ratsch" von Evelyn Vogel beschäftigt sich mit der Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum und rückt die Arbeit von Haegue Yang (2012/13) für die Mittelhalle im Haus der Kunst in den Fokus. MEHR