Entartete Kunst — Bildersturm vor 25 Jahren

AUSSTELLUNG 25.10.1962 – 16.12.1962

Die Ausstellung erinnert an die von Adolf Hitler angeordnete Femeausstellung "Entartete Kunst", die 1937 parallel zur pompösen Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" stattfand. Während im ersten Propagandabau der Nationalsozialisten die von Hitler geschätzte, am klassischen Ideal orientierte und rassenreine Nazi-Kunst gezeigt wurde, präsentierte die Femeausstellung im Hofgartengebäude an der Galeriestraße moderne, "entartete" Kunst seit der Jahrhundertwende.
Der Ausstellung, die 1962 im Haus der Kunst gezeigt wurde, war jener "Bildersturm vor 25 Jahren" vorausgegangen, in dessen Zuge unter der Leitung Adolf Zieglers, Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, Tausende von Werken des Kubismus, Expressionismus, Surrealismus und Dadaismus aus den deutschen Museen beschlagnahmt wurden. Unter der Federführung des Propagandaministers Joseph Goebbels, verstand sich Hitlers Kunstpolitik von 1933 an als "geistige Einwirkung auf die Nation" im Sinne seiner totalitären politischen Zielsetzung. Die Ausstellung diente Hitler, dessen Kunstverständnis auch durch das eigene Scheitern als Künstler geprägt war, dazu, die Moderne schlechthin als "Kulturbolschewismus" und "jüdisch zersetzt" zu diffamieren und die Werke der modernen Künstler als "Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnertums und der Entartung" zu beschimpfen. Jürgen Claus, der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung von 1962, betonte in seiner historischen Dokumentation zur Ausstellung von 1937, dass es sich bei der Ablehnung der Nationalsozialisten im Bezug auf die moderne Kunst "nicht etwa um kleine Differenzen der ästhetischen Beurteilung gehandelt hat, sondern um eine Kampfansage an die höchste künstlerische Qualität" und er nannte als Aufgabe der Erinnerungs-Ausstellung: "1962 soll neu überprüft und rehabilitiert werden, was 1937 verfemt wurde".
Die Ausstellung "Entartete Kunst. Bildersturm vor 25 Jahren" vermittelt 1962 mit 150 Gemälden und Skulpturen sowie rund 250 Grafiken eine Vorstellung von dem, was die Nationalsozialisten nach der planmäßigen Plünderung der deutschen Museen 1937 in der Ausstellung "Entartete Kunst" präsentierten. Der einstige Stolz zahlreicher Sammlungen, insgesamt rund 600 Werke der Avantgarde, war auf engstem Raum und ergänzt durch Schmähtexte und Preisangaben aus der Inflationszeit, dem Gespött des Publikums preisgegeben. 25 Jahre später gruppieren sich die aus aller Welt entliehenen Bilder um einen Kern von internationalen Wegbereitern der Kunst des 20. Jahrhunderts, darunter Pablo Picasso, Marc Chagall, Giorgio de Chirico und Paul Gauguin, der sich mit exotischen Motiven und kühner Malweise wie in "Reiter am Strand" (1902) als Kämpfer für die künstlerische Freiheit verstand. Den Mittelpunkt der Ausstellung von 1962 bildet, wie bereits 1937, Wilhelm Lehmbrucks Skulptur "Die Kniende" (1911), in der sich – ähnlich wie bei den Plastiken von Alexander Archipenko, Ernst Barlach und Rudolf Belling – der Bruch mit der akademischen Tradition und "eine neue Auffassung der Plastik als sublimierter Form" erkennen lassen.
Von den Malern traf es die Wegbereiter des Expressionismus, die Mitglieder der Künstlergruppe "Die Brücke", Max Pechstein, Erich Heckel, Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff ("Ruhende Frau", 1912), die mit im Freien gemalten Akten die Einheit von Mensch und Natur erträumten, andererseits wie Ernst Ludwig Kirchner in seiner "Straßenszene Berlin" (1913) die nervöse Überspanntheit des Großstadtlebens thematisierten. Max Beckmann, der Deutschland sofort nach Hitlers Rede zur Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" verlassen hatte, fand sich mit "Fastnacht Paris" (1930) verunglimpft, weil er "die 'Fähigkeit' der Kunst angriff, Wahrheit und Mitte der menschlichen Werte in 'schönen Schein' zu hüllen", wie ihm sein Künstlerkollege Picasso attestierte. Auch Oskar Schlemmer konnte, trotz eines Protestbriefs an Goebbels, der Verfemung seiner "Konzentrischen Gruppe" (1925) ebenso wenig entgehen wie seine Bauhauskollegen Lyonel Feininger und Paul Klee. Unbeeindruckt zeigten sich die Nationalsozialisten auch von Emil Noldes leuchtenden Landschaften, Blumenbildern und dem neunteiligen Altar "Das Leben Christi" (1911/12): "Sein Schaffen und seine Phantasie ist krank und deshalb für die deutsche Kunst ungeeignet", was umso mehr für die sozialkritischen Bilder von George Grosz und Otto Dix galt. Trotz der internationalen Anerkennung, welche die in München beheimatete Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" längst gefunden hatte, traf das Verdikt auch Wassily Kandinsky, der der abstrakten Malerei den Weg gebahnt hatte und bereits nach Russland emigriert war, ja selbst die im Ersten Weltkrieg für das deutsche Vaterland gefallenen Maler August Macke ("Vor dem Hutladen", 1913) und Franz Marc ("Die roten Pferde", 1911).
Nach dem Ende der Femeausstellung "Entartete Kunst", die durch weitere deutsche Städte ging, veräußerte das Regime 1939 einen Teil der beschlagnahmten Werke moderner Kunst im Rahmen einer spektakulären Versteigerung in Luzern, um an Devisen zu gelangen. Die zu Spottpreisen angebotenen Spitzenwerke – z. B. Picassos "Familie Soler" (1903) und van Goghs "Selbstbildnis" – konnten auf diese Weise und trotz der dubiosen Rolle einzelner Kunsthändler der Vernichtung entzogen werden und wurden nach dem Krieg um ein Vielfaches ihres Erlöses auf dem Kunstmarkt gehandelt, während die unverkäuflichen Arbeiten, ähnlich wie schon im Jahr 1933 die Bücher unliebsamer Autoren, auf dem Scheiterhaufen landeten.

Der Katalog umfasst insgesamt 450 Seiten mit ca. 160 s/w- und 9 Farbabbildungen. Das Vorwort stammt vom Arbeitsausschuss, die Dokumentation von Jürgen Claus als wissenschaftlichem Bearbeiter. Der Katalog enthält 150 Künstler in alphabetischer Reihe, mit Kurzbiogafien, Fotos, technischen Angaben und Erläuterungen zum Werk sowie anschließend grafische Arbeiten mit einer Werkliste von 250 Nummern und 20 Fotos im Anhang. 

Fotonachweis Franz Marc: Fotoarchiv Marburg

Entartete Kunst. Bildersturm vor 25 Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, Foto Archiv Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V. (vormals Ausstellungsleitung e.V.)
Entartete Kunst. Bildersturm vor 25 Jahren, Installationsansicht, Haus der Kunst, Foto Archiv Künstlerverbund im Haus der Kunst München e.V. (vormals Ausstellungsleitung e.V.)
Max Beckmann, Scheveningen 5 Uhr Früh, 1928, Detail, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © VG Bild-Kunst, Bonn, 1962 / bpk Bildagentur
Max Beckmann, Scheveningen 5 Uhr Früh, 1928, Detail, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © VG Bild-Kunst, Bonn, 1962 / bpk Bildagentur
Franz Marc, Die roten Rehe, 1912, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © Fotoarchiv Marburg
Franz Marc, Die roten Rehe, 1912, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © Fotoarchiv Marburg
Carl Hofer, Grosser Karneval, 1928, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Carl Hofer, Grosser Karneval, 1928, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München © bpk Bildagentur
Lovis Corinth, Luzern See am Nachmittag, 1924, Hamburger Kunsthalle © Bridgeman Images
Lovis Corinth, Luzern See am Nachmittag, 1924, Hamburger Kunsthalle © Bridgeman Images
Max Liebermann, Polospieler, 1902/03, Landesmuseum Mainz © bpk Bildagentur
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